Asbjörn Arnason organisiert seit 18 Jahren Gletschertouren auf den Eyjafjällajökull. Doch so viel Andrang wie jetzt gab es noch nie. Die Menschen lassen sich die Vulkantour etwas kosten.
Vulkanausbruch lockt viele Touristen an
Wir haben uns Anfang der Woche einer Gruppe angeschlossen. Reisende aus der ganzen Welt. Eine holländische Touristin hat die Finanzkrise hierhergebracht: "Wir fühlten uns ein bisschen schuldig und sagten uns, lass uns einen Teil unseres holländischen Geldes in Island ausgeben. Einfach um nett zu sein. So etwas sieht man nur einmal im Leben."
Ohne GPS verliert man auf dem Gletscher schnell die Orientierung. Zwei Vulkantouristen hat das das Leben gekostet.
Mitten in einer grandiosen Landschaft aus Eis und Schnee taucht plötzlich ein dampfender Krater auf. Warmes Lavagestein zum Anfassen. Asbjörn erzählt uns, wie manche am Vulkan Tränen in den Augen hatten: "Es ist einfach toll, Menschen etwas so Interessantes zeigen. Hast du schon mal ein heißes Stück Lava in der Hand gehalten? Nein? Das ist einfach das Beste."
Doch vor wenigen Stunden ist das Feuer erloschen. Am Morgen hat der Vulkan zum letzten Mal Lava gespuckt. Die Leichtsinnigsten klettern über das heiße Gestein auf der Suche nach irgendeinem Punkt, der noch glüht. Ein Tourist zeigt uns seine Entdeckung. Ein kleiner Spalt, in dem die Lava noch zischt. Ein anderer hat gar ein Stück glühendes Gestein freigeschaufelt, um wenigstens ein glühendes Foto zu machen.
Und weder er noch all die Schaulustigen, die am späten Abend Stunden über den Gletscher gefahren sind, ahnen, wie schnell sich seine Worte bewahrheiten werden.
Besonderes Ereignis für Wissenschaftler
Am nächsten Morgen wollen wir mit Geologen in das Tal, in das die Lava geflossen ist. Zuerst mit Jeeps über Geröll und reißendes Wasser, dann zu Fuß.
Der früher eisige Gletscherbach hat sich in ein kochend heißes Gewässer verwandelt. Ivar, der Leiter der Expedition, und seine Kollegen messen die Wassertemperatur: 51,6 Grad.
Wir müssen 800 Meter durch die Schlucht, um das Ende des Lavaflusses zu erreichen. Keine einfache Wanderung. Aber die Geologen eilen enthusiastisch voraus. Selten kommen sie so nah an die Lava eines frischen Ausbruchs heran. Ein aufstrebender Beruf in einem Land, in dem viele Vulkane brodeln.
Evgenia ist Vulkanologin in Cambridge. Sie hat schon überall Vulkanausbrüche erforscht, in Hawaii und Japan, aber das ist ihr erstes Mal in Island: "Vulkane sind Individuen, und die sind alle sehr verschieden. Es ist sehr wichtig für uns, die Eruptionen hier zu verstehen, um uns auf einen möglichen Ausbruch des Nachbarvulkans Katla vorzubereiten. Denn dort leben viel mehr Menschen als hier."
Die Lava füllt jetzt große Teile der einstigen Schlucht. Die Landschaft hat sich verändert. Das ist Island. Eine Insel in ständiger Bewegung. Wir sind beeindruckt von der Landschaft im Tal am Rande des Eyjafjälljökull. Bilder, von denen wir nicht ahnen, dass sie wenige Stunden später Geschichte sein werden.
Naturschauspiel mit verheerenden Kräften
Mitten in der Nacht reißt uns Stimmengewirr aus dem Schlaf. Unser Hotel wird zum Evakuierungszentrum. Die Erde hat wieder gebebt. Ein neuer Ausbruch. Dieses Mal unter dem Gletscher. Alle haben Angst vor einer Flut.
Am nächsten Mittag geht die erste Flutwelle durch das Tal. Der Gletschersee, den wir am Vortag in all seiner Schönheit gefilmt haben, ist nur noch ein Schlammloch.
Wir sehen zum ersten Mal die Wolke, die alles zum Erliegen bringen wird. Noch ist es vor allem Dampf. Doch das scheinbar friedliche Naturschauspiel entwickelt verheerende Kräfte. Omar Ragnarsson, der seit vielen Jahren Vulkanausbrüche als Journalist und Dokumentarfilmer beobachtet, fliegt mit uns um die Aschewolke.
"Früher glaubte man, dass Hekla, ein anderer Vulkan hier in der Nähe, das Tor zur Hölle sei und der Teufel dort unten anfeuert." Genauso muss es den Menschen heute wieder vorkommen. Alle Orte, über denen Asche niederging, mussten evakuiert werden. Gestern war es dort am Tag stockdunkel. Feiner, grauschwarzer Staub, der übers Meer gen Europa zieht.
In sicherer Entfernung kommen derweil die Schaulustigen zurück, Einheimische wie Touristen. Sie haben ein neues Fotomotiv. Nach der Lava nun der Rauchpilz.