Schwerste Stürze, offene Brüche, schlimme Unfälle – furchtbar.
Angeblich entstanden sind diese Bilder beim Rennsport. Thomas Reutter und Nicola Timm wollten wissen, ob es tatsächlich so brutal zugeht im normalen Arbeitsalltag eines Rennpferdes. Sie sind deshalb nach Hamburg gefahren – zum Pferderennen.
Bericht:
Das Deutsche Derby in Hamburg, eine Woche internationales Pferderennen: Prominenz und gute Laune. Das Derby ist auch ein Society-Event. Bei den Wetten geht es um 1,6 Millionen Euro. Dafür müssen die Pferde alles geben.
Viele Tausend Besucher kommen jeden Tag. Mit dabei: Maximilian Pick. 20 Jahre war er Tierarzt an der Pferderennbahn. Kaum einer kennt die Belastung der Rennpferde so gut wie er.
Pick hat Tierschutz-Leitlinien für den Pferdesport mit verfasst. Heute will er selbst einen Renntag lang sehen, wie die Tiere behandelt werden. Sein Eindruck von den Pferden nach dem Rennen:
O-Ton:
»Ausgequetscht bis zum Letzten. Erschöpft. Für mich als Pferdefreund ist es ein Bild des Jammers, so etwas zu sehen.«
Ein Mitschnitt von einem Trabrennen an diesem Tag. Diese Bilder zeigen: Der Fahrer mit der Nummer 10 will unbedingt noch gewinnen.
O-Ton, Dr. med. vet. Maximilian Pick, Gutachter für Pferde:
»Sie hören das Schnalzen der Peitschen über hunderte von Metern, wie sie auf den Pferdekörper aufschlagen. Wie sie also mit voller Wucht geführt werden und für mich ist das ein Akt von Tierquälerei.«
Permanent schlägt der Fahrer auf das Pferd Niacomo ein, obwohl nur fünf Schläge erlaubt sind. Von der Rennleitung bekommt der Fahrer nur eine geringe Geldstrafe. Weitere Folgen hat das nicht.
Wir konfrontieren einen der Hauptverantwortlichen für Trabrennen in Deutschland mit den Bildern:
O-Ton, Heinz Tell, Vizepräsident, Dachverband für Traberrennsport:
»Wenn Sie sich das nochmal genau angucken, wenn Sie sich auch die Handbewegungen ansehen, wie er mit der Leine vorfuhrwerkt, dass der gar nicht aufs Pferd gehauen hat oder nicht öfter, als er es nicht gedurft hätte. Dass das Ganze nicht ästhetisch ist, nicht gut aussieht, und ob man sich so verhalten muss, das steht auf einem völlig anderen Blatt.«
Eine absurde Bewertung in den Augen des Tierarztes.
O-Ton, Dr. med. vet. Maximilian Pick, Gutachter für Pferde:
»Ich möchte eine Anzeige erstatten, bei speziell diesem Fahrer wegen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz.«
Die Stallungen auf der Rückseite der Rennbahn. Hier kommen die Besucher nicht hin. Viele Rennpferde müssen 23 Stunden am Tag in Boxen stehen. Ins Freie kommen sie nur zum Training oder Rennen.
O-Ton, Dr. med. vet. Maximilian Pick, Gutachter für Pferde:
»Wir haben natürlich auch durch das ewige Rumstehen der Pferde und durch die mangelnde Bewegung auch sehr viele Beinschäden. Hinten ist er bandagiert. Und wenn Sie hingeschaut haben, ist er ganz durchgetreten, mit den Fesselgelenken auf den Boden getreten. Normalerweise hat er eine Verletzung an der Fesselträgersehne hinten, beiderseits. Normalerweise müsste man so einem Pferd eigentlich Ruhe geben und nicht nochmal starten. Aber Leute wollen halt, dass ihre Pferde Geld verdienen.«
Wir beobachten die zuständige Tierärztin im Einsatz. Ein Pferd leidet vor dem Rennen an einer Kolik, hat Schmerzen im Bauchbereich. Die Ärztin alleine kann jetzt nicht mehr weiter helfen.
O-Ton, Dr. med. vet. Kerstin Reich, Rennbahn-Tierärztin:
»Wir hatten uns den dann nach einer Viertelstunde nochmal angesehen. Da hatte der sich noch nicht komplett beruhigt, hatte immer noch den Bauch sehr aufgezogen und zeigte immer noch Schmerzäußerungen, so dass wir uns entschlossen haben ihn sofort in die Klinik zu schicken.«
Eine typische Ursache von Koliken ist Stress. Das Rennpferd hat ausgedient, wird eingeschläfert.
Rennpferde werden besonders oft krank. Eine aktuelle Studie der Universität Bristol zeigt: 52 bis 100 Prozent der Rennpferde leiden an Magengeschwüren.
Damit konfrontieren wir den obersten Lobbyisten im Galopprennsport.
O-Ton, Albrecht Woeste, Präsident, Dachverband Galopprennsport:
»Also diese Zahl kann ich überhaupt nicht bestätigen. Mir ist das, also ich selber habe mit Freunden zusammen sechs Rennpferde, noch nie hat eins Magengeschwüre gehabt.
Den Pferden scheint es gut zu gehen, denn sie haben alle Spaß daran, um die Wette zu laufen und das sieht man ihnen an, mit fröhlichen Gesichtern und spitzen Ohren.«
Fröhliche Gesichter? Beim Trabrennen ist ein Sulky zerbrochen. Das Pferd läuft in Panik über die Bahn, verletzt sich dabei schwer. Eine Schlagader ist getroffen. Das Tier blutet stark. Auf der Rennbahn kann das Pferd jetzt nicht versorgt werden.
Zum Glück ist die Verwundung aber nicht lebensgefährlich. Andere Unfälle dagegen schon. Allein in diesem Jahr gibt es im deutschen Galopperforum in der Rubrik „tote Pferde“ schon mehr als 30 Einträge, etwa: Nach dem Rennen zusammengebrochen. Wegen Beinbruchs getötet. Oder: wegen Beckenbruch getötet
O-Ton, Albrecht Woeste, Präsident, Dachverband Galopprennsport:
»Tja. Ich kann das nicht beschönigen. Das ist so. Aber das Leben ist eben, wie es ist.«
Und so geht der Wettkampf auf der Rennbahn weiter. Bilanz eines einzigen Renntages: Ein Pferd mit aufgerissener Arterie. Ein Tier ins Ziel gepeitscht. Ein Rennpferd wegen Kolik eingeschläfert.