Sonia Seymour Mikich: "Eine Frage: Wo gibt es für die Ärmsten vielleicht zu wenig Hilfe vom Staat und wo zu viel? Was ist das Existenz-Minimum für Hartz-IV-Familien, für bitterarme Rentnerinnen, Niedrigstlöhner? Was ist das ‚gesund
Natürlich haben auch Anke Irma und zwei ihrer vier Kinder Grippe - wie die halbe Republik - nur sie kann sich das eigentlich nicht leisten. Ihr Mann braucht auch noch regelmäßig eine teure Salbe. Deshalb geht sie heute hierhin - zur Medikamententafel. Nicht Kleiderkammer, nicht Lebensmittelhilfe. Nein, hier bekommen bedürftige Menschen die Hälfte von verschreibungsfreier Medizin mit privaten Spenden finanziert. Anke Irma hat, bevor es das hier gab, daran gespart. Mit dieser Hilfe muss sie nun in der Apotheke nur noch die Hälfte zahlen.
Anke Irma: "Ja, da musste ich dann überlegen, ob ich meinem Mann die Beine cremen konnte, ob wir uns ein Nasenspray gekauft haben oder halt Schmerzmittel. Dann wurde halt versucht, rumzudoktern, ob wir es alleine hinkriegen und dann halt nur im äußersten Notfall gekauft. Ganze einfach. Weil wir es uns oftmals nicht leisten konnten." Medikamente als Spenden? Yvonne Redmann war es, die neben der Lebensmittelausgabe auch die Medikamententafel ehrenamtlich gegründet hat. Ihr fiel auf, dass ihre Kunden es einfach nicht schaffen, all die Medikamente selbst zu bezahlen, die nach und nach aus der Erstattung der Krankenkassen gefallen sind.
Yvonne Redmann, Gründerin der Medikamententafel: "Also die Grundversorgung ist natürlich dadurch überhaupt nicht mehr gewährleistet. Für Schmerzen, Fieber für Kinder und Erwachsene, Grippemittel, Schleimlöser, Halsschmerzen, Kopfläuse, Schnupfen, Lippenherpes, Magen- und Darm-Erkrankungen. Das sind also Sachen, ich weiß nicht, ob man da so sagen kann, oh, das ist alles halb so schlimm. Das glaub ich ganz und gar nicht." Aufgefallen ist das Problem zuerst in den Arztpraxen. Bei Dr. Holger Kruck zum Beispiel. Er merkte, dass seine Patienten die verschreibungsfreien Medikamente einfach nicht kauften, die er ihnen empfahl. Auch Simone Klinkenberg ... die heute wegen einer Bronchitis hier ist. Sie und ihr Sohn leben von einer kleinen Berufsunfähigkeitsrente und vom Kindergeld.
Simone Klinkenberg: "Am Anfang des Monats habe ich meine 200,- Euro, die hole ich von der Kasse ab. Das hab ich zur Verfügung, das andere geht alles für die Lebenshaltungskosten drauf, ob Miete, Strom, etc. Und dann ist da nichts mehr drin." Das Mittel gegen die Bronchitis, Schmerzmittel, Antiallergika, aber auch der Zahnersatz, die Brillengläser - es geht um einfache, aber eben notwendige Dinge. All das wird seit der Gesundheitsreform nicht mehr erstattet. Für gut gestellte Patienten ist das kein Problem. Aber für manchen Rentner, für Arbeitslose, Geringverdiener - ein Grund hier zu sparen.
Dr. Holger Kruck, Allgemeinmediziner: "Zum Beispiel ein Durchfallmittel - bei Durchfallmitteln ist man sehr eingeschränkt, die sind fast alle nicht mehr verordnungspflichtig. Selbst was in den Kliniken, wie Peentereol - ein gängiges Durchfallmittel - wird sehr häufig in Deutschland eingesetzt. Nichtsdestotrotz sagte mit letztens ein Patient, dann müssen sie das Rezept leider behalten, das kann ich mir nicht leisten. Und das ist natürlich auch für mich als Arzt schon ne Situation, die sehr unbefriedigend ist. Man möchte ihm dann ja helfen, letztlich sagt er aber, er hat das Geld nicht." Auch Simone Klinkenberg geht direkt von der Arztpraxis zur Medikamententafel. Dadurch muss sie für die Medizin nur noch die Hälfte zahlen. Sie hat Glück, dass es gerade in Dülmen dieses besondere Angebot gibt. Arzneimittel für Bedürftige aus Privatspenden finanziert. Kann das ein Modell sein?
Dr. Bernd Schulte, Max-Planck-Institut für Sozialrecht: "Es gibt nicht überall diese Medikamententafel und es wird nicht jedermann auch bereit sein, sich dahin zu begeben, weil da in der Tat sozusagen so der Geruch von Almosen, usw. eine gewisse Rolle spielt. Also insofern ... vor allen Dingen eben, es besteht kein Anspruch auf diese Leistung. Insofern ist das keine Alternative zum Sozialstaat." Die Folgen für die, die nicht zur Tafel gehen, beobachtet Dr. Holger Kruck in seiner Praxis: die Patienten kommen später noch kränker - zum Beispiel mit Lungenentzündung - hierhin zurück. Oder sie bitten direkt um ein stärkeres Mittel, Hauptsache verschreibungspflichtig, Hauptsache, sie müssen es nicht bezahlen. Dr. Holger Kruck, Allgemeinmediziner: "Es ist halt schwierig für mich als Arzt, weil die Patienten manchmal danach fragen. Weil sie sagen, ich hab jetzt Husten, Schnupfen, ich brauch jetzt ein Antibiotikum, weil sie wissen, das ist verschreibungsfähig, oder die Patienten einen anbetteln, dass man irgendwas tut. Aber da muss man als Arzt dann auch hart sein, weil man muss dann wirklich den Patienten davon überzeugen, dass es für ihn ja ne falsche Therapie in diesem Fall wäre."
Das ist ein deutschlandweites Problem. Seit der Gesundheitsreform 2004 stieg der Marktanteil der verschreibungspflichtigen Medikamente deutlich an, während der Anteil rezeptfreier Medikamente zurückging. Statt Geld zu sparen, wurde es für die Krankenkassen sogar noch teurer. Anke Irmas Problem ist nicht nur die Grippewelle. Sie geht heute auch für ihren Mann in die Apotheke. Er war mal Metzger, dann bekam er Diabetes und eine schwere Wundrose am Bein. Für die braucht er regelmäßig Salben, die aber auch nicht erstattet werden. Die sechsköpfige Familie lebt von Hartz-IV. Das heißt, pro Elternteil pauschal 14 Euro im Monat für Praxisgebühren und alle Medikamente. Anke Irma: "Ja, natürlich hab ich alles versucht, auf jeden Fall. Aber es geht nicht. Und ich kann nicht zu meinem Mann sagen, du darfst dein Bein nur noch alle 14 Tage einmal cremen, für mehr reicht das Geld nicht." Vor zwei Wochen hat das Bundesverfassungsgericht das Problem immerhin benannt. Besser soll es jetzt aber nur für Härtefälle werden. Wer einer ist, entscheidet aber nicht der Arzt, sondern die Arbeitsagentur. Heute will Anke Irma dort den Antrag stellen. Ihr Mann kann nicht selbst kommen, aber sie hat Fotos vom Problem dabei. Anke Irma: "Er kann sich kaum bewegen vor Schmerzen, ihm fehlt ein Stück von der Wade. Ihm fehlt Muskeln, und von daher, das sind schon Schmerzen, die er da hat. Und die Haut ist so empfindlich geworden, dass sie keine Feuchtigkeit mehr hält und er aufgrund dessen diese Creme braucht." Ob ihr Mann ein Härtefall ist, kann ihr heute noch keiner sagen, sie muss abwarten. Und mit ihr Tausende, die in den nächsten Wochen zum Amt gehen werden.
Joachim Rock, Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband: "Die aktuelle Härtefallregelung reicht aus unserer Sicht überhaupt nicht aus. Sie umfasst nicht alle notwendigen Medikamente, die da in Rede stehen könnten. Sie ist insofern nicht ausreichend. Und: Sie betrifft auch nur diese Menschen, die im Leistungsbezug sind. Nicht aber all die Geringverdiener, die gerade noch nicht im Leistungsbezug sind, aber genauso Schwierigkeiten haben, sich die medizinische Versorgung mit Medikamenten zu leisten. Deshalb brauchen wir eine grundsätzliche Lösung dafür im System der gesetzlichen Krankenversicherung." Und solange hängt die medizinische Grundversorgung von Familie Irma von Spenden ab! Auf Anfrage heißt es aus dem Bundesgesundheitsministerium knapp:
"In diesem Bereich zurzeit keine Änderungen geplant."