Mit diesem Besuch machte Frau Merkel etwas, was den meisten gut situierten Südafrikanern nicht im Traum einfallen würde. Die Elendsviertel werden dort von den Meisten genauso ignoriert, wie wir das mit unseren Problembezirken tun.
Einer aber rüttelt seine Mitbürger auf: Andrew Brown, die neue literarische Stimme Südafrikas. "Wer sein Land liebt, der sieht es sich genau an, auch seine Schattenseiten" ist sein Credo, das er nicht nur predigt, sondern auch vorlebt: Neben seiner Schriftstellerei arbeitet er als Streifenpolizist und als Strafrichter. Genauer hinsehen geht nicht.
Magische Kraft des Fußballs! Vuvuzelas tröten es in alle Welt: Die Fans, ganz Südafrika ist vereint im Fieber, im fantastischen Ausnahmezustand namens World Cup.
Andrew Brown, Schriftsteller und Reserve-Polizist, während der WM ist er freiwillig im Dauereinsatz, patrouilliert täglich im Kapstadt Township Langa, zwischen Wellblech-Slum und Hinterhof-Arena. Fußball ist überall.
Andrew Brown: "Hey, Jungs! Wie geht’s? Für wen seid ihr beim Worldcup?"
"Bafana, Südafrika? Aber wir sind doch raus! Wem drückt ihr jetzt die Daumen? Na klar: Brasilien!"
Andrew Brown, die neue, unbequeme Stimme Südafrikas: Es zieht ihn einfach dorthin, wo es brennt.
Andrew Brown: "Mein Herz schlägt für Südafrika und für die Menschen, die hier leben. Genauso leidenschaftlich bin ich dafür, nicht die Augen vor der Realität zu verschließen, nur weil es uns, weil es mir gut geht. Wir können nicht so tun, als gebe es weder Elend noch Gewalt. Verhältnisse wie hier in Langa sind nicht hinnehmbar!"
Als 18-Jähriger geht er gegen die Apartheid auf die Straße. Im selben High Court, das ihn damals wegen Aufruhrs verurteilte, arbeitet Brown heute als Richter. Der ständige Rollenwechsel ist für ihn Alltag. Als Autor fasziniert ihn Südafrikas rasanter Wandel von der Rassen- zur Klassengesellschaft. Und er ist erbost über die Blindheit des neuen Establishments - sei es weiß oder schwarz.
Andrew Brown: "Mein Verleger sagt: 'Der Brown schreibt Hasstiraden gegen die Mittelklasse.' Kann schon sein. Ich kann eben einfach Leute nicht ertragen, die sich in ihrer Blase aus Wohlstand und Ignoranz einrichten."
Schauplatz Cape Town: Traumstadt mit vielen Gesichtern. Schillernd schön - und voller Abgründe. Ein Mittelklasse-Anwalt verliebt sich – ausgerechnet in eine Prostituierte aus Nigeria. Seine sichere Welt, das komfortable Leben zwischen Cocktail und Luxusstrand zerbricht: Davon erzählt Brown mitreißend in seinem neuen Roman: "Würde".
Andrew Brown: "Wenn ich etwas attackiere in meinem Buch, dann vielleicht eine bestimmte Art des Daseins. Richard, die Figur in meiner Geschichte, lebt in diesem Land, ohne Teil davon zu sein. Er führt das hübsch eingezäunte Leben derer, die sich aus allem raushalten: Fern von den Problemen Südafrikas, fern von den Menschen."
Südafrikas Helden sind heute schwarz. Doch Mandelas Vision von der "Regenbogengesellschaft" bekommt neue Brüche: In den Straßen von Kapstadt begegnen schwarze Aufsteiger den Armutsflüchtlingen aus anderen afrikanischen Ländern.
Polizei-Razzia in einem Wohnblock illegal eingewanderter Nigerianer. Hier, mitten im neuen Südafrika, sind Drogenhandel und Prostitution zuhause, leben wieder Menschen wie Sklaven. Eine Schattenwelt, von der die meisten WM-Touristen nichts ahnen: Auch hier lässt Andrew Brown seinen Roman spielen, sucht er als Schriftsteller nach Wahrheit und Würde der Menschen.
Andrew Brown: "Jeder kann sich vorstellen, welche Probleme, Krankheiten, Gewalttaten hier entstehen. Es ist eine fatale Situation auch für die Polizei: Wie können wir Verbrecher von Opfern unterscheiden? Wer hier lebt, dem geht es schlecht."
Während der Apartheid war die Polizei für Andrew Brown der Feind. Heute ist er selbst auf Streifenfahrt zwischen den noch immer sauber getrennten Lebenswelten von reich und arm. Hinsehen, findet Sergeant Brown, ist das mindeste.
Andrew Brown: "Wer es nicht tut, schneidet sich selbst ab vom Leben, von seiner Menschlichkeit, von einem Teil der Menschheit. Das ist hier ist mindestens so sehr Südafrika wie die schicken Cafés da unten in Camps Bay, die Strände, Luxusapartments und Cocktails. Wer das nicht wahrhaben will, kennt sein Land nicht."
Andrew Brown schreibt, wie er spricht: Eindringlich, kühl, mit heißem Herz - und der Erinnerung an den Sommer vor zwei Jahren. Damals explodierte der Fremdenhass in den Townships, führte die neue Apartheid zu blutigen Unruhen. Die Polizei war hilflos und Nelson Mandelas Traumging in Flammen auf.
Andrew Brown: "1994, mit dem Ende der Apartheid hat Südafrika sich fundamental verändert. Doch Townships, Armut, Kriminalität sind noch da und verschwinden nicht dadurch, dass wir jetzt Demokratie haben."
Die Begeisterung über den World Cup macht jetzt alle wieder zu Südafrikanern - alle gleich und gleich wert. Und wäre es nur ein Moment: Er gibt Kraft für die Zukunft.