ollen sie alles geben!
„Ich bin noch nicht besonders gut im Schwimmen. Aber es ist sehr wichtig, dass wir mitmachen. Wir leben mit dem Wasser. Und schwimmen, das sollte jeder hier können.“
Herr Khoi wurde eigentlich als Englischlehrer angestellt. Seit kurzem aber darf er Thi Thia und ihre Klassenkameraden auch im Schwimmen unterrichten. Endlich wachen die Behörden auf! Denn durch Ertrinken sterben die meisten Kinder am Mekong. In einer Region die vom Wasser lebt, haben sie nie schwimmen gelernt.
„Der Gurt muss immer fest anliegen. Das Ding ist Eure Lebensversicherung.“
Morgendämmerung im Delta: Nach einer Reise von über 4000
Kilometern durch China, Laos, Kambodscha, ergießt sich der Mekong, hier
ins südchinesische Meer. Ein Strom, Mythen-umwoben, mächtig und
mitreißend, und Lebensader für 17 Millionen Menschen. Doch der
Klimawandel, immer heftigere Stürme und der steigende Meeresspiegel,
bedrohen die Region wie kaum eine andere auf der Welt. Schwimmen lernen, heißt mehr denn je, überleben können.
„Hier halt Dich fest!“ Einmal die Woche steigen Thi Tia und ihre
Klassenkameraden über die glitschige Uferböschung ins Wasser. Hinein in
die lauwarme Brühe, wo alles möglich schwimmt - nicht nur der Lastkahn von
nebenan. Die erste Übung für Thi Thia: ruhig bleiben! Die Kinder müssen
sich gewöhnen an Wasser und Wellen und Strömung. Es soll helfen gegen die
Panik, wenn die Fluten kommen.
„Ich kenne das schon, anfangs sind alle noch schüchtern. Und vielleicht haben sie auch Angst vor dem Wasser,“ erzählt Herr Khoi. „Aber ich garantiere: das ändert sich. Und das ist ja auch das Ziel: sich anzufreunden mit dem Wasser.“
Thi Thia ist eines von vielen tausend Kindern am Mekong, die nun das Schwimmen lernen. Und der Schwimmkurs von Lehrer Khoi ist einer von vielen hundert organisiert von der Hilfsorganisation Save the Children.
„Ich fühl mich immer sicherer im Wasser. Angst jedenfalls habe ich nicht mehr so sehr.“
Ende der Schulstunde. Thi Thia und ihre Freundin radeln nach Haus, ihre Schwimmwesten griffbereit. Zwei Kilometer – mehr sind es nicht. Aber zehn Brücken müssen die beiden überqueren. Der Mekong - hier verliert er sich in den Kanälen eines weitverzweigten Deltas. Reis hat die Region reich gemacht. Bescheiden reich. Bauern bei der Arbeit: Wie Ölquellen schießt die Spreu in den Himmel: Das Mekong -Delta gilt als Reiskammer Südostasiens. Undenkbar wäre das - ohne die Wasser des Mekong.
Wer fließend Wasser will, macht nicht den Hahn auf, sondern die Haustür... Thi Thia ist angekommen. Das Mittagessen wird vorbereitet. Wie viele im Delta, lebt die Familie mit einem Bein im Wasser. Das Haus steht auf mehr oder weniger stabilen
Bambus-Stelzen. Gleich am Ufer. Zum Essen vom Reisfeld rübergekommen
ist auch der Papa. Es wird auf dem Boden gegessen. Dort, wo immer häufiger das Wasser steht.
„Ich bin hier geboren und für mich ist das fast normal. Nur in der Regenzeit, wenn die Fluten kommen: dann wird es schwer. Man lebt immer auf dem Sprung. Unsere Sachen haben wir zusammengeräumt, um zur Not zu den Verwandten zu fliehen.“
Van Tra, der Papa, nimmt uns mit auf sein Boot. Mit seinen beiden Töchtern will er zeigen, wie verwundbar seine Heimat ist. Vom steigenden Meeresspiegel hat er gehört. Auch davon, dass der Wasserpegel im Mekong-Delta bald dauerhaft um einen Meter höher liegen soll. Er macht sich Sorgen um die Zukunft.
„Wenn die Wassermassen kommen, die sind unberechenbar. Bei der letzten Flut vor einem halben Jahr stand das Wasser plötzlich bis hoch zu den Bäumen.“
Und es gab wieder Tote. Thi Thia hat uns zu ihrer Nachbarin geführt. Nur Fotos sind ihr geblieben. Und Erinnerungen an ihren jüngsten Sohn Nhat Hao.
„Wir waren auf dem Feld und mein Sohn hat beim Opa gespielt. Er muss eine Böschung heruntergestolpert und dann ins Wasser gefallen sein. Wir haben ihn stundenlang gesucht, dann sahen wir ihn treiben.“
Die junge Frau bringt uns an den Unglücksort: ein jetzt trockenes Feld. Hier ist ihr Sohn ertrunken. Bald wird das Wasser wiederkommen. Die unglückliche Mutter fürchtet, dass es erneut Tote geben wird.
„ch glaube, wir alle hier haben zu spät bemerkt, wie wichtig es ist, das unsere Kinder schwimmen können. Gucken sie, hier ist er reingefallen.“
Der Mekong - ein furchtbarer Freund. Auch wenn er sich heute mit seinem schönsten Lächeln zeigt. Die Fluten sind eben auch ein wunderbarer Spielplatz für Thi Thia und ihre Freunde.
„Ich liebe das hier, unser Haus, das Dorf und das Wasser. Es ist so schön hier. Um nichts in der Welt möchte ich jemals weg.“
Thi Thia ist ein Wasserkind. Wenn der Mekong über die Ufer geht, dann wird sie fliehen - doch auch wiederkommen, so schnell es geht. Nach Hause ins Wasser des Mekong.