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Milliardengrab Schweinegrippe: Wer steuerte die WHO?

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Milliardengrab Schweinegrippe: Wer steuerte die WHO? Deutschzum Film
Stichwörter
Schweinegrippe
Pandemie
WHO
Erkältung
Grippe
Medizin
Erscheinungsdatum:17.06.2010
Reportage-Format / Quelle:Monitor
Zusammenfassung
Vor fast genau einem Jahr hat die Weltgesundheitsorganisation erstmals in ihrer Geschichte die Pandemiestufe 6 ausgerufen und die Welt mit der Schweinegrippe in einen beispiellosen Ausnahmezustand versetzt Bis heute sitzen Länder weltweit auf ungenutzten Vorräten von antiviralen Mitteln und Impfstoffen im Wert von Milliarden. Nur ein Irrtum, den man bis heute nicht zugeben kann oder das Ergebnis systematischer Einflussnahme von Pharmaherstellern? Neue Rechercheergebnisse zeigen zumindest, was Öffentlichkeit und Entscheidungsträger in der Politik nicht erfahren haben: Viele wichtige Berater der WHO hatten auch enge Verbindungen zu genau den Pharmaherstellern, die von den Pandemieplanungen profitierten.
Text-Script zu dieser Reportage

Sonia Seymour Mikich: "Willkommen, ich verspreche MONITOR lohnt sich. Vor einem Jahr ungefähr waren wir alle ziemlich beunruhigt wegen der drohenden Schweinegrippe, einer Influenza-Welle von globalem Ausmaß, einer Pandemie. Als da

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Bilder, die erst ein Jahr alt sind, Bilder, wie aus einer fremden Welt. Schweinegrippen-Alarm. Die Weltgesundheits-Organisation hat die höchste Pandemiestufe 6 ausgerufen.

Tom Jefferson, Influenza-Experte der Cochrane-Collaboration (Übersetzung MONITOR): "Es war eigentlich schon früh klar, dass das eine Luftnummer war. Die ersten Zahlen aus Australien hatten gezeigt, dass das eine ganz milde Grippe sein würde, aber das wurde komplett ignoriert."

Heute steht fest, das Schweinegrippe-Virus verdrängte sogar das gefährlichere saisonale Grippe-Virus, für Deutschland hieß das: statt Tausender Grippetoter wie in anderen Jahren 255 bestätigte Todesfälle durch Schweinegrippe im letzten Winter.

Prof. Ulrich Keil, Epidemiologe, Universität Münster: "Wäre die Pandemiestufe 6 nicht ausgerufen worden, dann hätten wir nichts davon bemerkt und wir hätten gesagt, ach das war ja mal ein milder Verlauf, das war ja mal schön in diesem Jahr."

Weniger schön waren die unnötige Panik, die unnötigen Ängste, die unnötigen Impfungen mit wenig erprobten Impfstoffen. Und die vielen Milliarden, die weltweit ausgegeben wurden, um Impfstoffe und antivirale Mittel vorzuhalten. Das Meiste liegt bis heute ungenutzt in Lagern. Für die Hersteller war das ein gutes Geschäft. Allein mit den antiviralen Medikamenten Tamiflu und Relenza machten Roche und GlaxoSmithKline durch die Schweinegrippe Umsätze, von denen andere nur träumen können. Und noch viel mehr ging an die Impfstoffhersteller. Der Europarat hat jetzt eine offizielle Untersuchung zur Schweinegrippe eingeleitet.

Paul Flynn, Berichterstatter Pandemieplanung, Europarat (Übersetzung MONITOR): "Milliarden um Milliarden Euro für die Pharmaindustrie und Milliarden um Milliarden vergeudetes Geld für die Steuerzahler dieser Welt. Wie konnte das passieren? Wie konnte dieser schreckliche Fehler gemacht werden. Und wer hat ihn gemacht."

Die Weltgesundheitsorganisation in Genf. Hier wurde am 11. Juni letzten Jahres die Pandemiestufe 6 erklärt, auf Rat von Experten, wie die WHO immer wieder betont. Doch wer waren diese Experten? Die WHO verschweigt die Namen bis heute, angeblich um sie vor einer Einflussnahme durch die Industrie zu schützen.

Paul Flynn, Europarat (Übersetzung MONITOR): "Ich war in Genf, um die WHO zu fragen, wer waren die Mitglieder des entsprechenden Notstands-Komittees und hatten die Interessenskonflikte mit der Industrie. Wir wissen bis heute nicht, wer sie sind und ob sie erklärte Interessenkonflikte haben?"

Auch wir kennen diese Mitglieder nicht. Aber interessant ist, mit welchen Beratern die Weltgesundheitsorganisation im Influenza-Bereich seit Jahren zusammenarbeitet. Schon ab 1999, als die antiviralen Medikamente Tamiflu und Relenza auf dem Markt kamen, diskutierte man bei der WHO über Vorbereitungen auf eine mögliche Pandemie. 2002 gab es die erste Pandemie-Konferenz. 2004 wurde dann die entscheidende Richtlinie veröffentlicht, die Richtlinie über den Gebrauch von Impfstoffen und antiviralen Medikamenten im Pandemiefall. In dieser Richtlinie wird den Regierungen dringend geraten, antivirale Medikamente in großen Mengen vorsorglich einzulagern. Wörtlich heißt es in Annex 5:

"Vorräte von antiviralen Mitteln anzulegen ist entscheidend."

Geschrieben hat dies der amerikanische Professor Frederick Hayden. Was nicht in der Richtlinie steht: Während sie in Arbeit war, erhielt Fred Hayden Gelder von den Firmen Roche und GlaxoSmithKlime, den Herstellern der antiviralen Medikamente, für Beratungen und Vorträge. Ein möglicher Interessenskonflikt, der nicht genannt wird. Auch nicht bei anderen Autoren derselben Richtlinie. Zum Beispiel Professor Karl Nicholson, auch er arbeitete immer wieder als Berater von Roche und Glaxo. Oder Dr. Arnold Monto, er hat, als die Richtlinie in Arbeit war, Geld von Roche für Beratungen bekommen und in der Vergangenheit auch von Glaxo. Monto soll übrigens nach Informationen einer britischen Fachzeitschrift auch eines der geheimen Mitglieder des WHO-Notstands-Komitee sein. Alle drei Wissenschaftler erklärten, dass sie unabhängig seien und dass sie alle möglichen Interessenskonflikte bei der Weltgesundheitsorganisation angegeben hätten. Doch die WHO machte die Erklärungen nicht öffentlich. Wir fragen nach bei der WHO, wie es sein kann, dass Berater mit solchen möglichen Interessenskonflikten die entscheidenden Richtlinien schreiben dürfen?

WHO-Sprecher Gregory Härtl (Übersetzung MONITOR): "Wir glauben nicht, dass es da irgendeinen Interessenskonflikt gab bei diesen Experten, als sie die Richtlinien entwickelt haben."

Reporter (Übersetzung MONITOR): "Und wie kommen Sie zu dieser Einschätzung, wenn Sie wissen, dass diese Experten selbst zugegeben haben, dass Sie Geld von Roche und Glaxo bekommen haben, zur selben Zeit, als sie die Richtlinien geschrieben haben? Das ist doch ein eindeutiger Interessenskonflikt.“

WHO-Sprecher Gregory Härtl (Übersetzung MONITOR): "Ein Interessenskonflikt hängt von der Art und der Summe und der Absicht der Bezahlung ab. Allein die Bezahlung ist noch nicht entscheidend."

Reporter (Übersetzung MONITOR): "Aber es bleibt doch ein Interessenskonflikt, oder?"

WHO-Sprecher Gregory Härtl (Übersetzung MONITOR): "Nein, nein. Warum?"

Tom Jefferson, Influenza-Experte der Cochrane-Collobaration: "Ich finde es problematisch, aber was noch schlimmer ist, wenn ich diese Richtlinie lese und ich nicht weiß, wer sie geschrieben hat oder ich weiß, wer sie geschrieben hat, aber ich weiß nicht, dass sie Geld erhalten haben von Dritten, die ganz eng involviert sind und von dieser Richtlinie profitieren könnten. Ganz besonders, wenn diese Richtlinie extreme Maßnahmen empfiehlt, wie große Vorräte anzulegen von antiviralen Mitteln und Impfstoffen."

Auch bei der renommierten medizinischen Fachzeitschrift British Medical Journal hält man das für inakzeptabel. Die Fachredakteurin Deborah Cohen hat gemeinsam mit dem Londoner Büro für investigativen Journalismus den Fall ins Rollen gebracht. Ausgelöst durch eine Insiderin, die enge Verbindungen namhafter Grippe-Experten zur Pharmaindustrie offenbarte.

Deborah Cohen, Editor BMJ (Übersetzung MONITOR): "Was wir herausfanden, hat uns erschüttert, weil es zeigte, in welchem Ausmaß Pharmafirmen inzwischen Entscheidungsprozesse in öffentlichen Behörden beeinflussen, indem sie Schlüsselexperten nutzen."

So die Redakteurin. Die Pharmahersteller Roche und GlaxoSmithKline weisen zurück, dass sie in irgendeiner Form Einfluss auf Berater genommen haben. Man befinde sich vielmehr in einem transparenten und konstruktiven Dialog mit Experten, von denen es eben nur wenige gebe, so dass diese viele Seiten beraten würden. Schon bei der Vogelgrippe hatten übrigens viele Bundesländer angefangen, antivirale Medikamente einzulagern, weil einige Virologen immer wieder vor der Gefahr einer ganz großen Pandemie gewarnt hatten. Nachdem sich die Vogelgrippe als Fehlalarm erwiesen hatte, war die große Pandemie im Jahr 2009 scheinbar gekommen. Bei den Warnern häufig mit dabei das ESWI, ein Zusammenschluss von Grippe-Experten, die Einfluss nehmen wollen, damit Grippeimpfungen weltweit stärker verbreitet werden und die Staaten sich Vorräte antiviraler Mittel zulegen. ESWI arbeitet eng mit der WHO zusammen, viele ESWI-Mitglieder beraten die WHO, auch ESWI-Chef Albert Osterhaus. In dessen Erklärung möglicher Interessenskonflikte bei der WHO heißt es wörtlich:

"Er ist auch Vorsitzender von ESWI, einer unabhängigen Gruppe europäischer Wissenschaftler."

Unabhängig? Die Wissenschaftler arbeiten laut Osterhaus unentgeltlich. Doch finanziert wird ESWI hauptsächlich von großen Pharmaherstellern. Sind das nicht Interessenkonflikte?

Reporter (Übersetzung MONITOR): "Sie sagen, ESWI sei unabhängig?"

Prof. Albert Osterhaus, Vorsitzender ESWI (Übersetzung MONITOR): "ESWI ist in der Verwendung seines Geldes komplett unabhängig. Wenn die Industrie zu uns kommt, und fragt, könntet ihr das Geld für dieses oder jenes verwenden, dann diskutieren wir das nicht mal. Es ist verboten, darüber überhaupt zu diskutieren."

Reporter (Übersetzung MONITOR): Und Sie persönlich halten sich bei ESWI für einen unabhängigen Wissenschaftler?"

Prof. Albert Osterhaus, Vorsitzender ESWI (Übersetzung MONITOR): "Hundert Prozent unabhängig."

Ein völlig unabhängiges Institut, obwohl es zum größten Teil von der Pharmaindustrie finanziert wird? Der Berichterstatter beim Europarat fordert in seinem Bericht eine deutlichere Trennung zwischen Pharmafirmen und WHO.

Paul Flynn, Berichterstatter Europarat (Übersetzung MONITOR): "Wir brauchen eine starke Schutzwand, die undurchdringlich ist, wo kommerzielle Interessen nicht die Interessen der öffentlichen Gesundheitsvorsorge kontaminieren können. Und das geht nur durch absolute Transparenz."

Übrigens bis heute hat die WHO die Pandemiestufe 6 für die Schweinegrippe nicht aufgehoben. "

Sonia Seymour Mikich: "Und Deutschland hat bis heute keine Abnehmer für die ungenutzten Imfpstoff-Vorräte gefunden."