Er war ein schrecklicher, weltfremder und gnadenloser Diktator, der sein Volk buchstäblich bis aufs Blut unterdrückte: Ceauşescu, der Tyrann Rumäniens. Und wie alle Diktatoren legte er großen Wert auf einen perfekt inszenierten Kult um seine eigene Person. Er ließ kilometerweise Film belichten, ob bei Staatsempfängen, bei Sport und Spiel oder auch mal ganz privat, Hauptsache es waren Kameras auf ihn gerichtet.
Nun hat ein rumänischer Filmemacher über 1000 Stunden dieses Propagandamaterials zu einer Art Autobiografie des Diktators verdichtet. Das Besondere dabei: Der Regisseur lässt die Bilder unkommentiert wirken, vertraut ganz darauf, dass sie sich selbst entlarven. Ein riskantes Konzept, aber: es funktioniert.
Den Tyrannen sieht man nicht, auf diesen Bildern. Nur einen etwas ungelenken, älteren Herrn beim Volleyball. Nicolae Ceauşescu, einer der berüchtigsten Diktatoren des 20. Jahrhunderts, im Sommerurlaub. Er liebte es, gefilmt zu werden, und er sah sich selbst gerne zu: Einmal im Jahr ließ er sich seine "Homevideos" im Privatkino vorführen.
Sein Volk sah ihn meist so: Umjubelt und beklatscht auf Paraden oder Staatsbesuchen wie hier in Nordkorea. Jeder Tag seiner Herrschaft wurde festgehalten, es gibt tausende Stunden solcher Bilder. Sie zeigen, wie Nicolae Ceauşescu sich der Welt darstellen wollte. Und manchmal noch mehr.
Andrei Ujica, Regisseur: "Auch in den deutlichsten Propagandabildern, wenn man sie lange genau anschaut, wird man an den Rändern Spuren der Wahrheit finden. Und die Bilder fangen an, etwas anderes zu erzählen, als es ihre Absicht war."
Andrei Ujica hat aus dem Propagandamaterial einen Film montiert, er nennt ihn die "Autobiographie des Nicolae Ceauşescu".
Ujica, gebürtiger Rumäne, war 14 Jahre alt, als Ceauşescu an die Macht kam. Als junger Literat gerät er bald in Konflikte, 1981 verlässt er seine Heimat, geht nach Deutschland. Die Arbeit an dem Film nennt er eine Selbsttherapie.
Andrei Ujica, Regisseur: "In meiner Jugend sind wir ihm aus dem Weg gegangen, er hat uns verrückt gemacht, mit seiner Omnipräsenz, wir haben immer den Fernseher ausgeschaltet oder das Radio, sobald er zu sehen oder zu hören war, und erst in den letzten Jahren ist mir bewusst geworden, dass wir ihn nie gekannt haben."
Wer also war dieser Ceauşescu? Ein Funktionärs-Aufsteiger, der eher unbeholfen den Volkstribun gibt. Seine frühe Popularität verdankt er einem wirtschaftlichen Aufschwung, und dass er sich immer wieder gegen die Sowjets stellt, gefällt auch dem Westen.
Staatschefs wie Nixon umschmeicheln ihn. Für zehn Jahre ist Ceauşescu ein politischer Weltstar, selbst die Queen lädt ihn in den Buckingham Palace ein. Das Majestätische gefällt ihm, an der Macht interessiert Ceauşescu vor allem die unbeschränkte Herrschaft. Der Personenkult, den er in Maos China erlebt, beeindruckt ihn sichtlich: Neben dem "großen Steuermann" wird er zum staunenden Schuljungen.
Andrei Ujica: "Ceauşescu war ein richtiger Gläubiger, was die marxistische Lehre angeht, ein richtiger Fundamentalist. Er geht zu Mao wie zu einem Denkmal. Deswegen ist er auch so unsicher! Er klatscht ihn noch aus dem Auto entgegen, er kann sich kaum trennen."
Der Mensch und die Macht: Mit Schärpe und Zepter stilisiert sich Ceauşescu mehr und mehr zum kommunistischen König – ohne jeden Kommentar und doch gnadenlos genau legt dieser Film die Mechanismen einer Diktatur frei: Die Gefallsucht der Günstlinge, das Klima der Angst, die zunehmende Paranoia des Alleinherrschers. Ceauşescus Verbrechen bleiben unsichtbar, doch wie das Leben aus diesem Land weicht, das sieht man.
Es wird leer, um den Diktator, dessen Größenwahn sich immer deutlicher selbst entlarvt. Dass die Jubeler bestellt sind, können die Bilder ebenso wenig vertuschen, wie die zunehmende Armut im Land – und die Verachtung des Führers für seine Untertanen.
Fast angeekelt nimmt er ihre Geschenke entgegen, lässt sich fürs Fernsehen volle Regale vorführen, als Lebensmittel und Strom schon lange streng rationiert sind. Obwohl es seine Politik war, die das Land ruiniert hat, muss das Volk hungern und frieren.
Andrei Ujica, Regisseur: "Die Tatsache, dass er sie so gequält hat, war auch eine Art zu bestrafen, dass sie so faul sind. Und dass sie nicht schnell genug arbeiten, sodass er sie ins kommunistische Paradies schneller führen kann."