Kazimierz Chajdula kämpft. Erst gegen die vereiste Konservendose. Dann gegen seine Frau Danuta. Die ist fest davon überzeugt, dass sie es besser kann als ihr Mann. Womit sie recht haben könnte.
Seit fast drei Wochen leben die beiden ohne Strom – fast ohne Strom. Denn in ihrer Wohnung brennt wenigstens eine Lampe, seit er eine Idee hatte.
„Ich dachte mir: Mein Trecker hat doch Licht. Von der Batterie. Die könnte ich doch auch in der Wohnung nutzen.“
Es funktioniert seit über einer Woche. Auf die Kunst zu improvisieren, sind die Polen sehr stolz. Doch alle Probleme löst das nicht.
So was gab es noch nie. Seit 1957 haben sie Strom hier in Wola Kalinowska im Süden Polens. Bis jetzt ohne größeren Ausfälle. Und jetzt gleich drei Wochen. Sie versuchen, so gut wie möglich klar zu kommen.
Diese Öl-Lampe hatte Kazimierzs Familie schon im 2.Weltkrieg. Mit ihr kann er jetzt noch mal im Stall vorbei schauen. Dort stehen der Traktor, der nur noch eine Batterie hat und seine Tiere.
„Den Mist räume im Moment nicht mehr weg. Damit wird es wenigstens etwas wärmer für die Tiere. Die würden doch sonst auf kalten Beton erfrieren.“
Ohne Zweifel – der Winter hier kann ein begnadeter Künstler sein. Temperaturen bis Minus 30 Grad haben die Region nördlich von Krakau in eine weiße Traumkulisse verwandelt. So weit, so schön. Aber Schnee und Eis haben sich auch auf die Stromleitungen gelegt.
Viele Strommasten waren schon vor dem Winter marode, jetzt sind sie nur noch Schrott. Über all in der Region versuchen Bautrupps, die Leitungen notdürftig zu reparieren. Viele Arbeiter wohnen selbst hier in der Gegend und wissen deshalb ganz genau, wie mühsam es werden wird, den Strom zurück zu bringen. Und damit auch die Normalität.
Vieles hat sich verändert hier in den Dörfern, seit die Landschaft weiß ist. Und der Strom weg.
„Prosze Dzwonic, bitte klingeln“ – steht am kleinen Dorfladen. Jetzt heißt es: „Bitte klopfen, nicht klingeln, weil der Strom weg ist.“
Auf der anderen Straßenseite wohnt Jan Sek. Auch er kämpft auf seinem kleinen Hof gegen das Eis. „Hier alles kaputt, alles im Eimer!“, schimpft er. Und der Strom sei auch seit zwei Wochen weg.
„Die großen Bosse bei den Energiefirmen die denken nur darüber nach, wie sie uns kleine Leute verarschen können. Und selbst sitzen sie in ihren warmen Büros.“
Jan Sek ist Rentner. Ein Strom-Aggregat können er und seine Frau sich nicht leisten. Das Geld ist eh knapp, und jetzt auch noch dieser extreme Winter.
„Wenn ich mir Steinkohle kaufe, dann ist kein Geld für Essen da. Dann kann ich im Warmen verhungern. Oder ich kaufe mir Essen und erfriere. So oder so siehts schlecht aus!“
„Ohne Strom leben hier wie im Mittelalter“, sagen die Leute im Dorf. Aber: so langsam haben sie sich auf das Leben ohne Strom eingestellt - so gut es eben geht.
Wenn es langsam dunkel wird – und das ist früh - rollen die Bautrupps davon, zurück bleiben die, die nicht fliehen können. Und das sind vor allem die Alten.
Zwei ganze Rosenkränze hat Krystyna Zbertek heute wieder gebetet. Es ist ihr erster Winter als Witwe. Und dann gleich so einer. Die Tochter ist zu Besuch. Das tut gut in diesem dunklen Tagen. Krystyna fühlt sich einsam und wie eine Gefangene in der eigenen Wohnung.
„Wenn ich raus will aus dem engen Zimmer, dann müssen sie mich tragen. Es ist draußen kalt, dunkel und glatt. Ich habe Angst, dass ich falle und mir die Knochen breche und dass dann für immer ans Bett gefesselt bin.“
Dann wollen wir sie eigentlich noch fragen, wie lang sie wohl durchhält. Aber:
„Der Strom ist wieder da. …Unsere Gebete wurden erhört. Ich glaub´s nicht. Wirklich, kann es wahr sein?“
Das Licht brennt. Gut. Aber, dass der Strom jetzt wieder dauerhaft funktioniert soll, da haben sie doch ihre Zweifel.
Der Strom kommt in die Dörfer zurück – nach drei langen Wochen. Alles scheint langsam aber sicher wieder gut zu werden
Doch die Freude hält nur kurz an. Schon am Morgen drauf schlägt der Winter auch im Süden Polens wieder zu.
Und wieder müssen die Bautrupps in der schneidenden Kälte ran. Sie kommen, um viele Leitungen und Masten noch ein zweites Mal zu reparieren.
Zbigniew Lebiest wohnt gleich nebenan. Auch er hat jetzt wieder mal wieder keinen Strom. Und trotzdem schaut er dem Treiben neben seinem Haus eher gelassen zu.
„Es ist einfach wunderschön hier, die Natur und so. Stromausfall ok. Aber vorher habe ich im Plattenbau gewohnt. Hier fühle mich ganz wunderbar trotz allem.“
Soviel Gelassenheit im Winterchaos zeigt sicher nicht jeder in Polen. Aber von einem sind sie überzeugt. Wer sollte damit besser klar kommen, als wir - die Meister der Improvisation.