Osch im Süden Kirgistans. Sie rotten sich zusammen, sie bauen Straßensperren, sie bewaffnen sich mit Knüppeln oder Eisenstangen, mit dem, was sie an Waffen finden konnten. Und sie warten auf den Feind.
Wer in großen Buchstaben "KG" auf seine Tür oder auf sein Auto schreibt wie bei diesem weißen Auto, bleibt ungeschoren. "KG" steht für Kirgise. Dann wer nicht Kirgise ist, sondern dem Volk der Usbeken angehört, auf den haben sie es hier abgesehen.
Menschen auf der Straße:
"Alles hier, all die verbrannten Häuser, das sind alles ihre Häuser. Die haben wir absichtlich angezündet, weil die nicht in Frieden mit uns leben wollen."
"Dies ist mein Land, Kirgisien. Warum verhalten sich die Usbeken hier so frech, als wären sie die Herren? Die sollen in ihr Usbekistan abhauen, wenn es ihnen hier nicht passt."
Systematische Jagd auf Usbeken
Ganze Straßenzüge der usbekischen Viertel sind ausgebrannt, Geschäfte und Restaurants geplündert.
Osch liegt nahe der Grenze zu Usbekistan. Fast die Hälfte der Einwohner der Stadt sind Usbeken - eine Folge der willkürlichen Grenzziehung noch zu Sowjetzeiten. Spannungen gibt es seit langem, doch mit solcher Gewalt hat niemand gerechnet.
Am Freitag brannten die ersten Häuser. Wer konnte, rettete seine Habseligkeiten. Seitdem eskaliert die Gewalt mit jeder Stunde.
Eine deutsche Mitarbeiterin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, Andrea Berg, sitzt seit Donnerstagabend in der Stadt fest. Ihren Informationen nach soll es weit mehr als 500 Tote geben. Auch heute früh noch berichteten ihr Einwohner von Massakern.
Zehntausende Flüchtlinge sollen an der Grenze feststecken ohne Nahrung, Wasser oder medizinische Versorgung. Nachrichten oder Bilder von dort gibt es kaum.
Der Streit zwischen den Völkerschaften ist alt. Doch jetzt werde er bewusst geschürt, um Kirgistan zu destabilisieren. So jedenfalls heißt es in der Hauptstadt Bischkek. Übergangspräsidentin Otunbajewa, selbst erst im April nach gewaltsamem Umsturz an die Macht gekommen, vermutet eine politische Intrige. Der aus dem Amt gejagte Ex-Präsident, sagt sie, wolle um jeden Preis zurück an die Macht. Er habe den Aufstand angezettelt.
Gestern bat sie um Hilfe:
"Leider müssen wir es sagen: Wir sehen uns jetzt einer großen Masse von Leuten gegenüber. Wir haben das nicht mehr unter Kontrolle. Wir brauchen militärische Hilfe von Außen. Deshalb habe ich mich an Russland gewandt. Ich habe einen Brief mit der Bitte um militärische Hilfe an Russlands Präsident Medwedew geschrieben."
Aber Moskau lehnt militärische Hilfe ab: Russland könne nicht in einen internen Konflikt eingreifen, ließ Präsident Medwedew wissen.
Eilige Mobilmachung der Armee
Kirgistans Armee muss also alleine klarkommen. Ganze Busladungen von Soldaten werden nach Osch gebracht. Seit gestern haben sie den Befehl, notfalls auch zu töten. Längst haben die Unruhen auch auf die benachbarte Stadt Dschalalabad übergegriffen. Kirgistan ist im Bürgerkrieg.
Musterung in der Hauptstadt Bischkek. Weil Hilfe von Außen so schnell nicht kommen wird, hat die Präsidentin Mobilmachung angeordnet. Wehrtauglichkeitsuntersuchung: Sehr viele meldeten sich freiwillig, heißt es in Bischkek.
Wer eine Waffe bedienen kann und noch nicht zu alt ist, der soll in den Süden ziehen und dort den Aufstand niederschlagen helfen.
"Wann und wo haben sie gedient?"
"In Deutschland, noch mit der Sowjetarmee", sagt er.
Junge und alte Männer aus dem ganzen Land sollen Mitbürger vor Mitbürgern schützen, sollen verhindern, dass die Gewalt noch weiter eskaliert. Bislang sind die Unruhen auf den Süden beschränkt, denn vor allem dort leben viele usbekischstämmige Kirgisen.
Evakuierung in die Hauptstadt
Im brennenden Osch trauen sich die Menschen nicht mehr auf die Straße. Es gibt kaum noch Reporter in der Stadt. Auch die Menschenrechtlerin Andrea Berg hat heute ihr Hotel nicht verlassen können.
In der Hauptstadt Bischkek landeten heute die ersten Maschinen mit Flüchtlingen und Verletzten aus Osch. Auch Andrea Berg will noch heute versuchen, die Stadt zu verlassen. Sie glaubt, dass die Kämpfe dort noch lange anhalten werden. Schnellstens müsse jetzt Hilfe organisiert werden. Das, was sich im Süden Kirgistans abspiele, sei auch eine humanitäre Katastrophe.