Wir sind unterwegs mit Léon Rella. In einem geliehenen Wagen bringt er uns zu dem Stück Land, das einmal sein kleines Paradies auf Guadeloupe werden sollte. Anfang der 90er Jahre hat Léon sein ganzes Geld in dieses Land gesteckt, um Obst und Gemüse anzubauen. Es sollte ihn und seine Familie ernähren.
„Das hier war mein Traum, mein großes Ziel. Ich wollte uns noch eine Hütte bauen damit wir hier in Ruhe leben können. Das ist jetzt alles zerstört.“
Denn vor sieben Jahren teilten ihm die Behörden mit, seine Böden seien durch das Pestizid Chlordécone vergiftet. Er war nicht Schuld daran. Dennoch, er sollte nichts mehr anbauen. Bald konnte er die Kredite nicht mehr abzahlen – sein Land wurde zwangsversteigert.
„Ich bin ein Opfer dieses Chlordécone – da muss man mir doch helfen. Es kann doch nicht sein, dass die einfach sagen: Den kleinen Neger, den vertreiben wir von seinem Land.“
Die gewaltige Verseuchung Guadeloupes stammt von den Bananenpantagen. Auf ihnen wurde das hochgiftige aber sehr wirksame Pestizid massenhaft eingesetzt.
In den USA schon Mitte der 70er Jahre verboten, blieb Chlordécone in Frankreich bis 1990 legales Pflanzenschutzmittel. Auf Martinique und Guadeloupe sogar mit Ausnahmeregelung noch drei Jahre länger. Wie lange es noch illegal verwendet wurde, weiß niemand genau. Erst seit den letzten Jahren bringen Bodenproben Stück für Stück das ganze Ausmaß der Vergiftung ans Licht.
Jean-Michel Emmanuel ist einer der Bananenbauern, die Chlordécone eingesetzt haben. Doch auch er sieht sich als Opfer – einer falschen Informationspolitik der Behörden:
“Wir haben ein Produkt verwendet, das vom Landwirtschaftsministerium zugelassen war, es wurde sogar von anerkannten Organisationen empfohlen. Natürlich sind wir verantwortlich dafür, dass wir Chlordécone eingesetzt haben – aber schuldig sind wir auf keinen Fall.“
Anders als der Bauer Léon hat Bananenzüchter Emmanuel großes Glück. Denn Bananen dürfen auch auf den verseuchten Böden weiter produziert werden. Das Gift aus der Erde wird – laut Behörden – von der Staude nicht in die Früchte transportiert.
Wir machen uns auf den Weg zu Léons Wohnung. Nach dem Verlust seines Besitzes muss er froh sein, dass er nicht in den Slums der Hauptstadt Pointe-à-Pitre gelandet ist. Er ist wieder in das Haus seiner kranken Mutter gezogen- seine Frau hat ihn mit den Kindern verlassen. Dutzende Brief hat er geschrieben und um Entschädigung für sein Land gebeten – auch an Frankreichs Präsident Sarkozy. Es nutze nichts.
„Ich habe daran gedacht, mich umzubringen. Ich habe alles verloren, meine Frau, meine Kinder. Ich habe kein Geld mehr – Ein Bauer ist doch da, um seine Familie und andere zu ernähren. Aber sie haben uns vergiftet, wir sind ihre Opfer.“
Nicht nur Léon fühlt sich als Opfer der Plantagenbesitzer. Viele Guadeloupaner haben zu Hause Gärten, um ihren Lebensunterhalt aufzubessern. Eine Expertenuntersuchung Anfang des Jahres stellte bei Stichproben extrem hohe Chlordéconebelastungen in solchen Gärten fest. Das Gemüse soll nur noch begrenzt verzehrt werden.
Doch die Märkte von Pointe-á-Pitre sind voll davon. Obwohl Chlordécone als krebserregend gilt. Dasselbe Bild in den Fischerhäfen: fischen in Küstennähe ist wegen der Pestizid-Abwässer verboten. Unter den Fischern schert das niemanden.
„Dürfen sie überhaupt noch hier an der Küsten fischen – das ist wegen des Chlordécones doch gar nicht erlaubt.“
„Ach was, das ist doch Unsinn. Chlordécone – an so etwas denkt hier überhaupt niemand.“
Hier schon: Ins Krankenhaus von Pointe-à-Pitre kommen massenhaft Patienten mit Prostatakrebs. Die Prostatakrebsrate auf Guadeloupe ist die höchste der Welt.
Pascale Blanchet ist Professor der Urologie. Er untersucht gerade in einer großen Studie, ob das Chlordécone für diesen traurigen Krebs-Rekord mitverantwortlich ist.
„Wir können nicht ausschließen, dass ein Pestizid wie Chlordécone, das hormonelle Störungen hervorruft, die Entstehung von Prostatakrebs beeinflusst, denn dieser Krebs ist hormonabhängig.“
In dieser Vermutung steckt politische Brisanz. Gemeinsame Kundgebung der linken Parteien mitten in der Bananenregion: Harry Durimel ist Rechtsanwalt und Chef der Grünen auf Guadeloupe. Sein wichtigstes Thema: Chlordécone:
„Wie viele von uns sind schon vergiftet an Krebs gestorben, ohne selbst zu wissen, warum sie wirklich todkrank geworden sind?“
Zustimmung ist ihm sicher. Doch die reicht ihm nicht. Als Rechtsanwalt arbeitet Durimel an einer Klage gegen den französischen Staat. Denn der ist nach seiner Ansicht der eigentlich Schuldige:
„Wir legen uns nicht mit irgendeinem kleinen Gauner an. Wir attackieren das mächtiges System, das alle Mittel hat um unsere Bewegung juristisch und politische zu zerstören. Wir machen es trotzdem, weil die Menschen auf Guadeloupe endlich die Wahrheit über diesen Skandal wissen wollen.“
Doch nicht alle kämpfen noch mit der selben Leidenschaft. Léon ist müde geworden, die Ungerechtigkeiten durch die Vergiftung Guadeloupes anzuprangern. Und seinen Fisch kauft er da, wo er gefangen wird. Auch wenn er um die Gefahren weiß:
„Was sollen wir denn machen? Wir können doch nicht alles importieren. Ich kaufe wie alle hier lieber Fisch, der hier gefischt wird. Wir müssen mit dem Chlordécone leben.“
Léon findet, dass er eh nichts mehr zu verlieren hat. An seine Gesundheit zu denken ist für ihn ein Luxus. Und eine Gefahr, die man nicht sieht, nicht riecht und nicht schmeckt, lässt auch viel leichter verdrängen.