Sie sieben Steine aus. Ja, Steine – damit machen sie Geld, nicht sehr viel, aber besser als gar nichts. Denn aus diesen Steinen werden Ziegel gemacht. Im Gaza-Krieg 2008 hat Israel über 20.000 Häuser zerstört oder beschädigt. Und Israels Blockade lässt es nicht zu, dass Baumaterial hineinkommt. Die Israelis fürchten, die islamistische Hamas könnte damit neue Bunker und Militäranlagen bauen.
Kamil Kafarnah, der Mann in dem gestreiften Pulli, arbeitet hier jeden Tag ab sechs Uhr morgens. Bis drei Uhr nachmittags geht das – danach wird es zu gefährlich an der Grenze: Es kommt häufig zu Schusswechseln zwischen den Israelis und der Hamas.
Kamil hat eine Familie mit 12 Kindern zu ernähren. Früher arbeitete er auf dem Bau in Israel.
Kamil Kafarnah:
"Wir, die wir arbeiten müssen, sind alle wütend über die Blockade, und auch auf die Hamas und Fatah. Wir haben mit denen nichts zu tun. Wir sind ein Volk, das leben will. Die Welt sollte sich unserer erbarmen."
Kamil zerhackt die Überreste einer planierten Straße, um darunter die kleinen Steine herauszuholen.
Schwerer Geldverdienst
Gleich daneben treffen wir auf Zakaria, einen Verwandten von Kamil. Er nimmt sich die Ruinen der Fabriken und Häuser hier vor. Auch dieses Material wird gebraucht. Während sich Kamil nicht so richtig getraut hat, mit uns zu reden, macht Zakaria aus seinem Unmut keinen Hehl.
Zakaria Kafarnah:
"Verantwortlich für all das sind die Hamas, die Fatah und die arabischen Länder. Die Hamas kümmert sich nur um ihre Leute, die Fatah um ihre. Und wo bleiben wir, die einfachen Leute? Wovon sollen wir leben? Wir leben hier in einer Gegend voller Gefahren und Tod, und die machen sich’s nur gemütlich, denen sind wir völlig egal."
Die Lage in Gaza ist so schwierig, dass einfach alles verwertet werden muss. Und so werden auch die verrosteten Stahlstreben eingesammelt. Auch die kann man zu Geld machen.
Es ist fast 15 Uhr – die Männer müssen los. Die Gegend wird nun unsicher. Der Weg ist beschwerlich, Kamil und die anderen müssen aufpassen, dass sie ihre Ladung nicht verlieren.
Die Straße nach Gaza-Stadt führt erstmal zu einem Checkpoint der Hamas. Um den machen Kamil und alle anderen einen Bogen. Denn die Hamas verlangt auf alles, was die Männer heute eingesammelt haben und wofür sie sowieso kaum etwas bekommen, auch noch eine Steuer. Dann doch lieber den beschwerlichen Umweg nehmen.
Feilschen um jeden Schekel
Die Steine werden an einen Zwischenhändler verkauft. Er sorgt dann dafür, dass die Steine per LKW zu den Fabriken gebracht werden. Zwischenhändler Ahmed begutachtet die Ladung und beurteilt dann, was sie wert ist.
"Da hast du 100 Schekel, 20 Euro."
Doch damit will sich Kamil nicht begnügen; er will noch zehn Schekel, also zwei Euro mehr.
Ahmed sagt nein:
"Ich muss doch der Hamas noch mindestens 30 Schekel Steuer zahlen."
"Ich brauche aber noch zehn Schekel. Ich muss für den Esel noch Futter kaufen."
"Ich habe keine zehn Schekel."
"Doch, du hast bestimmt noch zehn Schekel in deiner Hosentasche."
"Nein, ich habe keine bei mir."
"Wann bekomme ich sie dann?"
"Heute Abend."
Damit muss sich Kamil zufrieden geben.
Häuser ohne Fenster
Kamil ist auf dem Heimweg. Von 100 Schekel muss er seine ganze Familie ernähren. 12 Kinder hat er, fünf sind verheiratet, seine Frau ist schwanger. In Gaza viele Kinder zu haben, heißt reich zu sein. Reich? Ist es nicht ein Leben ohne Hoffnung?
Über die Ereignisse der letzten Woche hat er nichts zu sagen. Er weiß nur, dass die Blockade aufhören muss.
Kamil:
"Menschen hungern zu lassen, bis sie sagen, sie wollen die Hamas nicht mehr? Das ist doch keine Lösung. Diese Partei wurde vom Volk gewählt. Gebt ihr eine Chance, die Dinge zum Laufen zu bringen. Wenn es funktioniert, dann ist gut. Wenn nicht, dann wählen wir halt wieder. Wie überall auf der Welt."
Wir verlassen Kamil, um zu sehen, was aus seinen Steinen geworden ist. Hier wird gerade ein Haus fertig gestellt, sozusagen aus recycletem Material. Der Zement, der den Steinen beigemischt wird, ist über die Tunnel an der Grenze zu Ägypten nach Gaza geschmuggelt worden. Daraus wird jetzt das Dach gegossen.
Das Haus wird für den Mann mit der Keffyeh, dem arabischen Kopftuch, gebaut - ein angesehenes Oberhaupt eines Beduinenclans. Er schöpft aus den Ereignissen der letzten Woche Hoffnung.
Salman Manaya’a:
"Mit Gottes Hilfe wird die Blockade aufgehoben. Die arabischen Völker glauben jetzt endlich, dass das palästinensische Volk belagert wird."
Einstweilen wird er sein Haus erst einmal fertig bauen. Ohne Fenster, denn Glas gibt es in Gaza auch nicht.