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Sonnenaufgang über Rio de Janeiro. Bald werden die Touristen die Traumstrände von Copacabana und Ipanema in Beschlag nehmen. Kaum jemand von ihnen ahnt, dass nur ein paar Steinwürfe entfernt die ersten der über 800 Armenviertel von Rio sich an die Hügel schmiegen. Eine völlig andere Welt, in der die Drogenbosse das Sagen haben, rechtsfreier Raum, in den nur waffenstarrende Polizei-Einheiten eindringen konnten. So war es bisher, all die Jahre: Eliteeinheiten wie die BOPE drangen in die Favelas ein, und räumten auf, mit äußerst brutalen Mitteln. Fast jedes Mal gab es Tote, darunter viele Zivilisten. Dann verschwanden die Polizisten wieder, und die Mafia kam zurück. Solche martialischen Polizeieinsätze im Namen der Zivilisation hat es auch hier gegeben, in der Favela Santa Marta, zuletzt vor gut einem Jahr. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: die Polizei ist geblieben. Dauerhaft. 120 Militärpolizisten unter der Leitung von Hauptmann Pricilla de Oliveira verhindern, dass die Bosse des Roten Kommandos wieder kommen. Die Santa Marta ist befriedet, als erstes Armenviertel von Rio de Janeiro. Nun will die 32-jährige Chefin die Santa Marta verwandeln: in eine Vorzeigefavela. „Bevor wir Polizisten die Favela übernommen haben, trugen die Banditen Waffen und verkauften Drogen, überall in der Santa Marta wurde Rauschgift konsumiert - alles vor den Augen der Kinder“, erzählt Pricilla de Oliveira von der Militärpolizei. „Heute sieht man davon nichts mehr: Der Krieg ist gegangen, der Friede ist eingezogen.“
Seit der Übernahme durch die Polizei läuft sogar die Zahnradbahn, und erspart den knapp 10.000 Bewohnern den mühsamen Aufstieg über 1300 Treppen. Verbesserungen, wohin man schaut... Und trotzdem gibt es Ärger. Kritiker werfen den Planern vor, fast ausschließlich jene Favelas zu befrieden, die neben den Vierteln der Reichen liegen. Es gehe eher um deren Wohlbefinden als um das der Favelabewohner. Stein des Anstoßes aber vor allem: diese Mauer. Durch sie soll - nach offizieller Lesart – die Favela daran gehindert werden, in den Regenwald auszuufern. Das ist Unsinn, meinen die Leute von Santa Marta, seit Jahrzehnten habe ihre Favela sich nicht ausgedehnt. Sie nennen das Bauprojekt so: die „Mauer der Trennung“. Zwischen den Reichen unten und den Armen oben.
Natürlich fühlen sich Emerson und seine Kumpels ohne Drogengangs wohler als noch vor einem Jahr. Doch der Musiker und Menschenrechtsaktivist ärgert sich maßlos über die Betonwand. Mit den Kosten von über einer Million Euro – findet er – hätte man eine Krankenstation bauen oder verfallene Häuser renovieren können. 364 Meter Betonzaun – für Emerson die „Mauer der Schande“. „Wir Favela-Bewohner waren immer schon getrennt von den Reichenvierteln, seit vielen Jahren. Wir sind diskriminiert worden, man hatte Vorurteile uns gegenüber. Und nun haben sie diese Mauer gebaut, um diese Vorurteile zu zementieren.“ Hauptmann Pricilla weiß, dass die Meisten hier den Mauerbau von Rio unverschämt finden, oder unsinnig. Doch ihr geht es um etwas anderes: den schlechten Ruf der Polizei zu verbessern. „Angst vor der Polizei müssen heute nur noch die Verbrecher haben. Die anständigen Bürger wissen, dass sie auf die Militärpolizei zählen können. Sie gewinnen immer mehr Vertrauen zu uns. Wir nähern uns den Favela-Bewohnern an.“ Küsse statt Schüsse, Unterhaltung statt Unterdrückung, Konversation statt Kampfeinsatz. Der Drogenboss geht – die Policia Pacificadora kommt, Rios „Befriedungspolizei“.
Und nicht nur hier, oberhalb des noblen Viertels Botafogo mit seinen Villen und der deutschen Corcovado-Schule. Insgesamt elf Favelas sollen schöner werden. Dafür hat der Staat mehr als eine halbe Milliarde Euro in die Hand genommen: Wie hier in der Rocinha werden Krankenhäuser, Straßen und Schulen gebaut. In vier Jahren wird in Brasilien die Fußball-WM ausgetragen, und in sechs Jahren in Rio die olympischen Spiele. Schluss mit dem Schmuddelimage, der Staat erobert sich die Hoheit über die Stadt zurück. Oder: zumindest über jene Viertel, an denen die Sportfans entlang kommen werden. Wenn aber die Favelas eingezäunt und von Drogenhändlern befreit sind, wohin gehen dann die Verbrecher? Die Antwort ist: die Unterwelt geht in die Vororte. Vom teuren Süden in den arme Norden. Beispiel Baixada, fast 60 Kilometer von der Copacabana entfernt. Krankenschwester Suelen wurde in den letzten Wochen drei Mal ausgeraubt, von Motorradfahrern. „Bis vor kurzem war es hier absolut ruhig, und plötzlich gibt es hier total viele Überfälle. Die Leute kommen aus anderen Vierteln und überfallen uns.“ Sogar die kleine Bar von Suelens Vater wurde vor kurzem ausgeraubt. Am helllichten Tag. Weil kein Geld in der Kasse war, ließen die bewaffneten Räuber die Spielautomaten aufbrechen. Beute: 200 Reaís, umgerechnet 80 Euro.
Zurück in der Santa Marta. Karateunterricht für einige Dutzend Kinder und Jugendliche. Sie lernen unter der Aufsicht der Militärpolizei, sich zu wehren und Disziplin zu wahren. Nur private Vereine hatten früher Sozialarbeit gemacht, mit der Genehmigung der Drogenbosse vom Roten Kommando. Der Staat hatte sich hier oben nicht blicken lassen. Unterhalb der Christusstatue ist viel passiert im letzten Jahr. Unglaublich viel. Kaum jemand hätte das überhaupt für möglich gehalten. Schichtende für Hauptmann Priscilla. Zum Feierabend geht es wieder abwärts. „Unser Job ist ganz schön anstrengend. Aber wir werden belohnt, wenn wir die Kinder beobachten, wie sie Ball spielen oder Drachen steigen lassen, ohne bedroht zu werden. Genau unsere Aufgabe: für ein Klima zu sorgen, in dem das möglich ist.“ In Rio bewegt sich was, dem Sport sei Dank. Schade nur, dass man die Armenviertel nicht befriedet und dann in Frieden lässt, sondern Mauern um sie herum baut. Und schade auch, dass man die Kriminalität nicht stoppt, sondern nur verdrängt.