zurückgelassen?
„Nein, das hier ist alles so weit weg von dem, was ich mir erträumt habe. Ich wollte nur Fußball spielen und das will ich immer noch. Aber es wird schon noch werden….“
Nach allem, was Ibrahim mitgemacht hat, ist er sogar dankbar, Blumen binden zu können. Diese Ausbildung bringt ihm wenigstens ein kleines Zimmer und regelmäßige Mahlzeiten in diesem Internat ein, dass sich am Rand von Paris um mittellose Jugendliche kümmert.
Sobald er frei hat, kickt Ibrahim. So, wie er es zu Hause immer getan hatte bis ihn ein angeblicher Agent für Profifußballer nach Frankreich lockte. Unter den Jungs seiner Schule ist er der Star. Mit echten Fußball-Stars hat er sein Zimmer tapeziert.
Ibrahims Familie hat viel Geld für seinen Traum von der Fußballkarriere aufbringen müssen. Doch statt einer Reise durch große Stadien begann für ihn eine schreckliche Odyssee:
„Zunächst musste ich 1200 Euro zahlen, Reisetickets extra. Dann haben sie mich nur nach Libyen gebracht. Als ich da weg wollte, musste ich nachzahlen. Dann bin ich in Marokko gelandet – das war alles viel zu viel für mich. Die Eltern meiner Freundin haben noch mal bezahlt, damit ich wieder weg, nach Frankreich konnte…“
Im fremden Frankreich stand er dann allein auf Straße, gerade erst 16 Jahre alt. Das Bild seines verstorbenen Vaters hatte er immer bei sich – der wäre so stolz auf einen Fußballer-Sohn gewesen. Auch deshalb wollte Ibrahim durchhalten.
„Als meine Begleiter mich hier einfach fallen gelassen haben, habe ich mich gefragt : warum tun sie das? Was habe ich falsch gemacht? Mein einziges Glück war, dass ich dann hier die Leute von Footsolidaire gefunden habe. Die sind jetzt meine neue Familie.“
In Paris trifft sich Ibrahim mit Manu. Einst selbst Profispieler arbeite er jetzt für Footsolidaire. Dem Verein, der sich in Frankreich um gestrandete afrikanische Fußballtalente kümmert. Für Ibrahim hat er den Platz im Berufsinternat besorgt. Manu achtet darauf, dass sein Schützling die Schule ernst nimmt. Ohne den Ausbildungsplatz könnte Ibrahim sofort abgeschoben werden. Er hat, wie die meisten Fälle, die Footsolidaire betreut, keine Papiere.
„Jedes Jahr sind es mindestens 200 bis 300 Jungs, die sich bei uns melden, weil sie hier in Schwierigkeiten sind. Das ist fast schon Sklaverei, reiner Menschenhandel, den die falschen Agenten da betreiben.“
Für Ibrahim hat Manu gute Nachrichten mitgebracht: Er hat ihm ein Probetraining organisiert. Beim FC Niort, einem Proficlub aus der dritten Liga:
Ibrahim träumt jetzt davon einmal so zu werden wie Paul Alo’o Efoulou. Der Stürmer aus Kamerun ist ein umjubelter Star beim französischen Erstligisten AS Nancy. Und in seiner Heimat Nationalspieler. Alo’o Efoulou weiß wie es ist, in Europa alleine auf der Straße zu sitzen. Sein erster Club in Belgien hat ihn schon nach einem Jahr wieder rausgeschmissen, da war er 19.
„Und dann steht man da, in einem völlig fremden Land. Ich hatte keinerlei moralische Stütze, niemanden, der mir Rat geben konnte.“
Er fand eine Freundin, die ihm geholfen hat, doch noch Karriere zu machen. Die große Ausnahme. Die meisten Jungs aus Afrika landen eher hier: Ein Sportplatz im berüchtigten Pariser Vorort La Courneuve. Die Schlepper geben so etwas gerne als Trainingscamps aus. Auf Kameras reagieren sie meist aggressiv. Denn in Wahrheit wird hier kein Talent entdeckt. Es sei denn von der Polizei, die nach den fehlenden Papieren fragt.
„Die Begeisterung für die Fußball-Weltmeisterschaft wird das Problem noch mal verschärfen. Die Jungs wollen weg aus Afrika – nicht nur nach Europa, einfach weg aus ihrer Heimat, wo sie keine Chance sehen.“
Wir sind mit Ibrahim beim FC Niort. Vor dem ersten Training merkt man ihm in der Kabine die Anspannung an. Zu Beginn stellt der Trainer den Gast kurz vor:
„Hört mal zu. Das hier ist Ibrahim. Footsolidaire hat ihn geschickt. Er ist erst nach Frankreich geholt worden und dann hat man ihn einfach auf der Straße stehen lassen. Deshalb nehmen wir ihn jetzt auf.“
Auf dem Platz merkt der junge Mann von der Elfenbeinküste schnell, dass die Taktzahl bei den Profis höher ist als da, wo er bisher gespielt hat. Gegenüber seinen Mitspielern fehlt es ihm vor allem an Erfahrung. Das Kicken nach der Schule, es war als Vorbereitung einfach zu wenig.
„Er hat Energie. Aber technisch muss er Fortschritte machen. Es ist noch zu früh, ein Urteil abzugeben.“
„Ich würde es mir so wünschen, hier genommen werden. Dafür drücke ich mir selbst die Daumen.“
Ob das Daumendrücken hilft, weiß er noch nicht. Er soll später im Jahr wieder zu einem Probetraining kommen. Bis dahin wird er weiter Blumen binden. Doch aufgeben – nein, daran denkt er nie.
„In meinem Alter habe ich noch Zeit, an mir zu arbeiten. Ich will mein Ziel erreichen“
Er ist jetzt 18, nach der Ausbildung droht ihm die Abschiebung aus Frankreich. Dann wären die Leiden umsonst gewesen, das viele Geld verloren. Ibrahim glaubt unerschütterlich daran, dass es so nicht kommen wird.