"Mal ruckelt es, mal zieht es leise summend dahin. Und die Kanzlerin hat es ganz lieb. Und für die Hersteller ist es das nächste grüne Ding. Das Elektro-Auto. Der Traum vom Fahren ohne Abgas, ohne Lärm. Deutschland soll - so Kanzlerin Merkel - Leitmarkt für Elektromobili
So will man sie uns verkaufen - die Zukunft des Autos. Fahren ohne Abgase, dank Elektromotor. Noch sind die meisten Modelle allenfalls Prototypen. Doch kaum ein Hersteller, der nicht vorgibt, auf das Elektroauto zu setzen. Mit Kanzlerin Angela Merkel haben Mercedes, BMW und Co. in Sachen Elektromobilität eine starke Verbündete. Mindestens eine Million Elektrofahrzeuge sollen 2020 auf unseren Straßen unterwegs sein. So der Plan der Bundesregierung. Anfang des Monats bekam Merkel dafür viel Applaus - von der Autoindustrie und der Stromwirtschaft. Eine gute Allianz fürs Klima? Was bringen Elektroautos wirklich? Hier in Essen kann man seit kurzem welche mieten. Vier Fahrzeuge sind im Angebot. Eines von mehreren Pilotprojekten in ganz Deutschland. Reporter: "100 km ungefähr Reichweite?" Angestellte der Verleihfirma: "100 km ungefähr, dann sollten Sie an die nächste Zapfsäule fahren." Die Reichweite - Damit kämpfen alle Hersteller. Angestellte der Verleihfirma: "So, wichtig ist, dass Sie immer zuerst das Auto verbinden und dann an die Säule rangehen." Reporter: "Okay, was passiert sonst?" Angestellte der Verleihfirma: "Ich weiß nicht, ob dann ein Kurzschluss passiert. Wir haben es nicht ausprobiert, weil die RWE uns ..."
Die RWE - Der Stromkonzern. Der liefert hier den Strom. Eine aufgeschraubte Steckdose, bei der der Deckel abfällt. Klebeband drum rum. Der Elektro-Fiat, serienreif? Wohl eher nicht. Eindeutig klingt das Versprechen der RWE: Wer eines der Testautos mietet und bei RWE tankt, der tut was - für die Umwelt. Carolin Reichert, RWE: "Wir verwenden in unseren RWE-Autostrom-Säulen ausschließlich Öko-Strom, produziert auf der Basis vordringlich von Windenergie und Wasserkraft. Reporter: "Wie viele Wind-, Wasser- oder Solarkraftanlagen haben Sie denn zusätzlich für die Elektroautos gebaut?" Carolin Reichert, RWE: "Das müssen wir gar nicht. Wir investieren ohnehin als Konzern sehr hohe Summen, ca. 1,4 Milliarden pro Jahr in den Ausbau erneuerbarer Energien." Also alles gut? Was für RWE gilt, gilt übrigens für die gesamte Strombranche. Zusätzlichen Ökostrom - extra fürs Elektroauto - wollen die Konzerne nicht produzieren. Was bleibt da unterm Strich übrig für den Klimaschutz?
Jürgen Resch, Deutsche Umwelthilfe: "Der Strom, der aus der Steckdose kommt, ist der Stormmix, wie er in Deutschland entsprechend entsteht. Wenn ich jetzt als Kunde tatsächlich mir - rechnerisch - den grünen Strom zuschreiben lasse, dann erhöht sich einfach der entsprechende Anteil des Kohlestroms bei allen anderen Kunden. Ich hab damit noch keine Verbesserung erreicht."
Jacqueline Grünewald, ADAC: "Wir habens einfach mal versucht zu testen und haben es mal hochgerechnet und haben festgestellt, wenn man jetzt den Stommix nimmt, so wie wir ihn jetzt derzeit in Deutschland haben, und das auch noch mal vergleicht mit einem Diesel. Da schneidet doch zum Teil der kleine Diesel vom CO²-Wert besser ab als ein Elektrofahrzeug." Umweltschützer und ADAC in seltener Eintracht. Elektroautos verbrauchen also nicht automatisch weniger Energie als herkömmliche Fahrzeuge. Und Elektroautos fahren auch nicht einfach CO²-frei. Die Abgase entweichen nur woanders. Nicht am Auspuff, sondern da, wo der Strom entsteht. Die erneuerbaren Energien machen bei RWE gerade einmal drei bis fünf Prozent aus. Und auch in zehn Jahren werden die fossilen Brennstoffe den deutschen Strommix deutlich dominieren. Etwa zwanzig Kilometer nach Beginn unserer Testfahrt. Der Motor stockt. Wir müssen rechts ran. Und so verursacht unser Elektroauto vorerst tatsächlich kein CO².
Reporter: "Ich versuche jetzt mal mit dem Rückwärtsgang zumindest an den Straßenrand zu kommen. Ich gebe Gas. Und das wars." Mehrere Minuten geht gar nichts. Und plötzlich rollt wieder alles rund. Von serienreifen Modellen scheinen die meisten Autohersteller tatsächlich noch weit entfernt. Das weiß auch die Bundesregierung. Deshalb fördert sie allein die Forschung im Bereich der Elektromobilität mit einer halben Milliarde Euro. Und die Politik bietet den Konzernen einen weiteren lukrativen Anreiz, um aufs Elektroauto zu setzen. Auch hier geht es um viel Geld. Denn die EU fordert: Jeder Hersteller muss den durchschnittlichen CO²-Ausstoß seiner Fahrzeug-Modelle senken. Sonst drohen unter Umständen Milliarden-Strafen. Das heißt, gerade die deutschen Hersteller, die weiter auf PS-starke Verbrennungsmotoren setzen, müssen schauen, wie sie auf den Schnitt kommen. Und hier kommt das Elektroauto gerade recht. Denn ihm gewährt die Politik einen so genannten "Super Credit": Und so rechnet man in Berlin und Brüssel: Verkauft ein Hersteller ein herkömmliches Fahrzeug mit einem CO²-Ausstoß von beispielsweise 100 Gramm, so gehen diese voll in die Umweltbilanz ein. Ein vergleichbares Elektroauto jedoch, das auch 100 Gramm emittiert - ohne Strom geht eben nichts - wird offiziell mit 0 Gramm CO² angerechnet. Und so halbiert sich - rein rechnerisch - der durchschnittliche CO²-Ausstoß. Und mehr noch. Laut EU-Vorschrift wird jedes verkaufte Elektro-Auto gleich mehrfach in der Bilanz berücksichtigt. Bis zu dreieinhalb Mal. Und so sinkt die CO²-Bilanz in unserem Beispiel noch mal: auf wundersame 25 Gramm. Natürlich wieder nur auf dem Papier.
Jürgen Resch, Deutsche Umwelthilfe: "Diese Regelung würde gerade dazu führen, dass die Hersteller von besonders spritschluckenden Fahrzeugen einen Freibrief bekommen, dieses auch noch einfach weiterzumachen. Die können im Grunde genommen sagen, wir subventionieren sogar noch das eine oder andere Elektroauto, vielleicht geben wir es dann noch mal so als Gimmick mit dazu, denn dieses Elektroauto gibt uns dann die Möglichkeit, ohne Strafzahlungen leisten zu müssen, weiterhin unsere Spritschlucker auf die Straße zu bringen. Und das ist genau das Gegenteil von Klimapolitik." Elektroautos, um die Umweltbelastung der herkömmlichen Fahrzeuge schön zu rechnen? 2015 sollte diese Regelung eigentlich auslaufen. Doch Anfang des Monats beim Elektro-Gipfel in Berlin hat die Regierung Merkel der Industrie schriftlich zugesagt, sich für eine Verlängerung einzusetzen. Im zuständigen Umweltministerium heißt es dazu: Auf längere Sicht biete die Elektromobilität großes Potential zur CO²-Einsparung. Zitat: "Deshalb ist eine befristete Mehrfachanrechnung von Fahrzeugen mit Elektroantrieb … als Innovationsanreiz für die Hersteller gerechtfertigt." Ein Innovationsanreiz, der den Herstellern hilft, mit jedem verkauften Elektroauto die wahre CO²-Bilanz ihrer Fahrzeugflotte zu verschleiern. Nach einer weiteren Panne und insgesamt 100 Kilometern: Die Batterie ist leer. Über zwei Stunden müssen wir ans Kabel, bis es endlich weitergeht. Wir müssen warten auf das Elektro-Auto. Für das Klima ist das vielleicht gar nicht so schlecht.