Sonia Seymour Mikich: "Apropos Klicken. Jetzt kommt ein Internet-Thema. Und das ist spannend und beunruhigend und sogar für die wichtig, die eigentlich digitale Zurückhaltung üben. Wir glauben ja, im Internet sei alles frei. Aber wir bezahlen die
Gemeinsam feiern, mit Bekannten und Unbekannten, Erfahrungen austauschen. Freunde finden, sich Verlieben. Menschliche Beziehungen sind etwas sehr Privates. Immer mehr Menschen suchen soziale Kontakte inzwischen auch im Internet. Sie schließen Bekanntschaften, vernetzen sich, kommunizieren in so genannten sozialen Netzwerken rund um den Globus. Das weltgrößte ist Facebook. In nur sechs Jahren haben sich hier weltweit 400 Millionen Menschen angemeldet, allein in Deutschland sind es schon fast zehn Millionen und täglich werden es mehr. Man teilt Interessen und Vorlieben. Die Kontaktpartner werden "Freunde" genannt. Hinter dem Internetdienst steht ein milliardenschwerer Konzern. Die Nutzung von Facebook ist kostenlos. Denn Profit macht die US-Firma, weil sie so viele Nutzer hat. Alter, Geschlecht, Konsumneigungen, all das interessiert die werbetreibende Industrie, um auf Facebook gezielt ihre Produkte anzubieten. Menschen werden zu Datengruppen zusammengefasst und gezielt beworben. Das macht vielen Menschen auch Angst, zum Beispiel Christian Fischer. Er ist viel im Internet unterwegs. Aber seine Daten Facebook geben - das wollte er eigentlich vermeiden. Umso überraschter war der PR-Berater, als er plötzlich eine Einladungsmail erhielt, geschickt von Facebook im Namen eines alten Freundes. Christian Fischer: "Und dann war ich doch relativ erschrocken, was Facebook alles so über mich weiß, und wen ich wohl alles kennen würde. Weil ich mit der Einladung von Facebook auch gleich Kontakte vorgeschlagen bekommen hab von Personen, die ich tatsächlich kannte, wovon ich einem einmal in meinem Leben eine E-Mail geschickt habe, eine andere Bekanntschaft ist zehn Jahre alt, und einen anderen kannte ich gerade mal drei Monate."
Woher wusste Facebook, dass Christian Fischer all diese Menschen kannte, obwohl er nicht Mitglied war, wie gelangt Facebook an die Daten von Nicht-Mitgliedern? Wir melden uns im Internet bei Facebook an. Schon bald wird uns angeboten, "Freunde" zu suchen. Für diesen Service sollen wir unser persönliches Adressbuch, das wir bei einem E-Mail-Anbieter haben, zugänglich machen. Wir machen das. Doch was passiert dann? Welche Daten werden jetzt aus unserem Adressbuch ausgelesen? Wir bitten Experten vom Institut für Internetsicherheit an der Fachhochschule Gelsenkirchen, uns sichtbar zu machen, was Internetnutzern sonst verborgen bleibt. Wir geben erfundene Daten in unser E-Mail-Adressbuch ein, Daten von Nicht-Facebook-Nutzern. Max Mustermann nennen wir unseren Freund, seine Freundin Paula Irgendwas. Zusätzlich notieren wir im Adressbuch, dass Mustermann einen neuen Arbeitgeber sucht, dass er sehr geschwätzig ist. Und noch andere, intimere Kontakte. Dann machen uns die Internetexperten sichtbar, welche Daten aus unserem Adressbuch bei der Freundesuche übertragen werden. Das Ergebnis: alle. In den Datenströmen finden wir alle Details aus dem Adressbuch wieder: Nicht nur E-Mail-Adresse, Telefonnummer und den Namen seiner Partnerin, auch unsere Einschätzung, das er geschwätzig ist und einen neuen Arbeitgeber sucht. Intime Details gehen nun an Facebook, viele Nutzer machen sich das gar nicht klar.
Prof. Norbert Pohlmann, Institut f. Internetsicherheit Gelsenkirchen: "Möchte ich das, dass Facebook alle diese Informationen hat und was Facebook damit macht, kann ich nicht beurteilen. Wenn ich die Daten übergebe, dann kann Facebook damit machen, was sie möchten. Und das ist eigentlich, sage ich mal, sehr kritisch, weil es kann auch gegen mich verwendet werden. Und ein zweiter wichtiger Punkt ist, habe ich denn eigentlich meine ganzen Bekannten gefragt, ob ich diese Information überhaupt an Facebook weitergeben kann?" An Facebook werden also von unserem E-Mail-Adressbuch umfassende Daten gesendet. Aber was macht Facebook mit diesen Informationen? Speichert die Firma tatsächlich Daten über Nicht-Mitglieder in ihren Servern? Facebook sagt, man habe keine Informationen außer Namen und E-Mail-Adresse. Und: Zitat: "Facebook speichert den Vor- und Nachnamen, so erleichtern wir es dem Nutzer, die Freunde auszuwählen, die er einladen möchte. Alle anderen Informationen werden nicht gespeichert." Und die Verantwortung für die Weitergabe der Adressdaten von Nicht-Mitgliedern sieht Facebook bei uns, den Nutzern. Schließlich finde sich das in den Geschäftsbedingungen: Zitat: "Du wirst Personen, die keine Nutzer sind, ohne ihre Einverständniserklärung weder markieren noch ihnen E-Mail-Einladungen schicken." Datenschutzbeauftragte halten das Verfahren für hochproblematisch.
Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter Schleswig-Holstein: "Die Art und Weise, wie Facebook sich Zugang zu den Adressbüchern der Nutzenden verschafft, ist aus meiner Sicht nicht akzeptabel. Zwar wird eine gewisse Warnfunktion dadurch erreicht, dass man sein Passwort eingeben muss, und dass also auch eine Information darüber gegeben wird, aber die Betroffenen haben nicht ansatzweise eine Vorstellung davon, was tatsächlich an Datenverarbeitung stattfindet, und welche Risiken für sie selbst und insbesondere auch für Dritte daraus entstehen können." Beunruhigend. Auch immer mehr Firmen geben offenbar Daten an Facebook. Das hat Carola Drechsler erfahren. Die Juristin hatte lediglich einen Infobrief abonniert bei einem Internetportal namens Jobguide. Dafür gab sie Jobguide ihre E-Mail-Adresse. Monate später erhielt auch sie eine Einladung von Facebook mit Freundesvorschlägen. Ihre E-Mail-Adresse war offenkundig in den Datenbestand von Facebook gelangt.
Carola Drechsler: "Für meinen Fall bedeutet das einfach, dass man damit rechnen muss, dass wenn man sich irgendwo anmeldet, dass die Firma im Zweifel sich bei Facebook anmeldet und dann entsprechend alle ihre Kontakte oder Ihre zur Verfügung stehenden Daten auch an Facebook weitergibt. Und das genau dürfte meiner Ansicht nach nicht so sein." Die Firma Jobguide bestätigt, Mitglied bei Facebook zu sein. Kundendaten wie die von Frau Drechsler habe man aber nicht an Facebook weitergeben wollen. Nun sei man alarmiert. Facebook sagt, das Einholen von Adressdateien sei auch bei anderen Netzwerken üblich. Und Nicht-Mitglieder könnten ihre Adressdaten auch wieder löschen. Außerdem behalte der Nutzer die Kontrolle über die Daten seiner Freunde. Wenn das so ist, woher weiß Facebook dann aber, mit wem Menschen wie Frau Drechsler Kontakt hatten? Das verrät uns Facebook auf unsere Nachfrage nicht wirklich. Für die Betroffenen ein mulmiges Gefühl. Die technischen Möglichkeiten sind groß. Datenschützer sind besorgt. Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter Schleswig-Holstein: "Daten, die einmal in die USA übermittelt worden sind, die sind nicht mehr zurückzuholen. Dort haben wir kein Datenschutzrecht, was nur ansatzweise unserem vergleichbar ist. Mit der Konsequenz, dass man also Auskunftsansprüche oder Löschungsansprüche, Sperransprüche dort nicht durchsetzen kann." Betroffene werden vielleicht nie erfahren, welche Wege ihre Daten bei Facebook nehmen. Das Unternehmen sagt, man halte sich strikt an die hauseigene Datenschutzrichtlinie. In der steht allerdings auch: Zitat: "Wenn Du vertrauliche Daten, wie zum Beispiel Kreditkartennummern und Passwörter eingibst, werden diese Informationen mithilfe der SSL-Technologie von uns verschlüsselt."