Kinderfeuerwerk mit Panda-Bär – Chong Baoxin und sein Sohn fangen klein an, lassen erst nur ein paar Funken fliegen, bevor sie später den bösen Geistern dann so richtig Angst einjagen wollen:
„Die Tradition will es, dass wir heute die Teufel vertreiben. Zugleich wollen wir mit dem Feuerwerk den Gott des Glücks und des Wohlstands zu uns locken, damit sich unsere Wünsche erfüllen.”
Dabei soll Chong Baoxin die Kiste mit den ganz dicken Krachern helfen – die lassen dann aber nicht nur böse Geister zurückweichen.
Was die Familie in den Pekinger Neujahrshimmel schießt, kommt aus diesen Bergen bei Liuyang, in der südlichen Provinz Hunan. Hier liegt die Wiege des chinesischen Feuerwerks, hier arbeitet auch Tan Xiaoping. Seit 13 Jahren immer dieselben Handgriffe.
100 Euro für große Gefahr
Jetzt im Winter ist es kühl im Fabrikhaus, Heizungen sind verboten. Denn diese harmlos wirkenden Kugeln sind Sprengladungen – vollgestopft mit Schwarzpulver sollen sie später einmal am Himmel explodieren. Handarbeit mit Risiko, bei der die Frauen hier gerade einmal 100 Euro im Monat verdienen.
Tan Xiaoping, Fabrikarbeiterin:
“Die Feuerwerksproduktion bei uns in Liuyang bringt uns Wohlstand“, sagt sie, und nach dem Zögern dann etwas ehrlicher: „Wir haben ja auch nichts anderes hier. Wie soll man denn einen anderen Job bekommen.”
Bevor die Sprengkugeln weltweit exportiert werden, müssen sie zum Trocknen raus – vorbei an der Frau mit der gefährlichsten Aufgabe der Fabrik. Von ihrem Unterstand aus muss sie zuerst zehn Meter zurücklegen: Der vorgeschriebene Sicherheitsabstand zum wichtigsten Bestandteil der Produktion – hier lagert das Schwarzpulver. In Kügelchen gepresst dürfen höchstens eineinhalb Kilo davon zurück in den Unterstand – auch das verlangen die Sicherheitsvorschriften.
15 Jahre Schwarzpulver abfüllen
Die Schalen befüllen, Gui Hua tut dies seit 15 Jahren – immer derselbe Ablauf: Erst die Kügelchen, dann die kleinen Schwarzpulversplitter in die Mitte stopfen. Gui Hua muss alleine arbeiten, denn Schwarzpulver entzündet sich schnell, schon allein Reibung ist gefährlich – an ihrem Arbeitsplatz herrscht ständig Explosionsgefahr.
Gui Hua, Fabrikarbeiterin:
„Normalerweise passiert ja nichts – aber natürlich ist schon allein das Anmischen des Pulvers sehr riskant. Zum Glück benutzen wir in unserer Fabrik dafür importierte Rohstoffe aus dem Ausland.”
Riskante Arbeit
Ihr einsamer Unterstand, eingelassen im Berg – nur für den Fall, damit die anderen Fabrikgebäude bei Unfällen geschützt sind.
Nur einige Kilometer entfernt Experimentieren in einem Labor. Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern testet er ein Gemisch, das einmal für neue aufregende Blitzeffekte am Himmel sorgen soll. Zhao Jiayu – eigentlich lehrt der Professor „Pyrotechnische Theorie” im fernen Peking – seit 30 Jahren schon. Nach Liuyang kommt er, um Neuheiten dem Praxistest zu unterziehen, damit Feuerwerk aus China auch zukünftig den Weltmarkt beherrscht.
Zhao Jiayu, Technische Universität Peking:
„Wir forschen viel, um Luftverschmutzung zu verhindern. Und wir haben schon viele Fortschritte erzielt. Wir denken, dass es bei Feuerwerk nicht nur um Sicherheit gehen muss, sondern auch um mehr Umweltschutz.”
Ein Leben rund ums Feuerwerk
Raketen, die besonders wenig Rauch absondern, hat der Professor für die Olympischen Spiele in Peking erfunden und gezündet. Chinas oberster Pyrotechniker will hier in der Provinz heute Geschosse testen mit so schillernden Namen wie „Weißer Peitschenhieb” und „Pfeifender Drachenschweif”. Die Pyrotechniker bringen sie in der Abschussanlage in Stellung. Auch in China geht das nur mit Profi-Lizenz. Aus sicherer Entfernung dann: „Feuer frei!” Der chinesische Raketentest verläuft erfolgreich.
Auch in der Fabrik ein Tag ohne Zwischenfall. Tan Xiaoping hat Feierabend. Wie ihre Kolleginnen arbeitet sie an sieben Tagen in der Woche. Am Wochenende frei? – Das kennt in Liuyang und Umgebung kaum jemand. Eine Fabrik nach der anderen – insgesamt 900 Feuerwerkshersteller, die von hier aus die ganze Welt beliefern.
Zu Hause warten sie schon. Alle leben unter einem Dach, teilen das Wenige, das sie besitzen. Die Schwiegereltern haben selbst bis zu ihrer Rente Feuerwerk hergestellt. Auch Tan Xiaopings Sohn wird wohl irgendwann Knaller für die Welt fabrizieren. Die Familie wird sich dann berechtigte Sorgen machen, denn jedes Jahr sterben in China Hunderte bei Unfällen mit Schwarzpulver.
Tan Xiaoping:
„Ich höre oft davon, dass in anderen Fabriken Menschen bei Explosionen sterben oder verletzt werden. Manchmal fliegen ganze Häuser in die Luft. Auch heute noch macht mich das ein bisschen nervös.”
In der Pekinger Neujahrsnacht sind solche Sorgen fern. Chong Baoxin und seine Familie sind wohlhabend, können unbeschwert feiern. Feuerwerk für 100 Euro schießen sie in den Himmel für ihre guten Wünsche – und verzaubern so Pekings erste Nacht im Jahr des Tigers.