Abmarsch in den Alltag hinter Gittern. Frauenknast João Chavez in der Stadt Natal im Nordosten Brasiliens. Der Grund, weshalb wir hier sind, ist diese Gefängniszelle, seit sechs Jahren so etwas wie ein Zentrum für Modedesign. „Transforme-se“ heißt das Projekt, Ve
rwandle Dich! Bademode, Accessoires und Handtaschen aus Baumwolle. Fünf Tage lang dauert es, eine Tasche zu besticken.
Für drei Tage Handarbeiten wird ein Tag Haftstrafe erlassen. Doch für ihre Freiheit müssten einige der Damen jahrzehntelang stricken...
„Mein Mann hatte früher eine ganz normale Arbeit,“ sagt Geisa, die zu fünf Jahren und acht Monaten verurteilt wurde, „und ich habe ihm geholfen. Dann haben wir schlechte Menschen kennen gelernt, Drogenhändler und solche Leute. Schließlich habe ich auch angefangen, Drogen zu verkaufen. Und nun bin ich hier gelandet. Jetzt müssen meine drei Kinder ohne Mutter und Vater aufwachsen. Ich sehe, wie sie leiden, fern von mir. Das ist echt brutal...“
Von Drogenhandel über Betrug bis hin zu Mord, die insgesamt 67 Frauen sitzen nicht gerade wegen Kavaliersdelikten ein. 14 Zellen, bis zu sieben Frauen müssen sich eine teilen, geschlafen wird hauptsächlich auf Matratzen am Boden.
Am nächsten Morgen – wie immer um Punkt sieben - öffnen sich die Zellentüren. Heute für ein Spektakel der ganz besonderen Art.
Schon den ganzen Morgen über sind die gerichtsbekannten Damen außer Rand und Band.
Samba und Foró, Singsang in Singsing.
Generalprobe für den nächtlichen Auftritt. Fünf Frauen aus dem Projekt werden heute mit ihrer Knastkollektion auf den Laufsteg gehen, Geisa bereits zum vierten Mal, zelleninterner Spitzname „Topmodel“. Strafvollzug – mal ganz anders...
„Wenn du auf den Laufsteg gehst, dann fühlst du dich wie ein richtiger Star. Das ist der Hammer!“
„Ich werde glänzen! Nicht nur mit Tasche, sondern auch mit Bikini...“
„Wir werden da draußen alles dem Erdboden gleichmachen. Wir machen das für Euch!“, rufen sie ihren Kolleginnen zu, und der tosende Applaus begleitet die fünf Models bis in den Gefangenentransporter. Die Wärter wurden angehalten, ihre Pistolen dezent zu verstecken und sich zivil zu kleiden, das erspart Peinlichkeiten und sieht auch einfach besser aus...
Aus den Strafvollzugsbeamten sind Bodyguards geworden...
„Die Gefangenen sind sich der besonderen Situation bewusst werden keinen Quatsch machen. Das wird schon gut gehen..“
Kunstmesse und Modeshow im städtischen Pavillon. Hunderte sind gekommen, und drinnen auf dem Weg in die Umkleidekabine versucht Geisa, irgendwie locker zu bleiben.
Und dann ruft der Ansager: „Direkt aus dem Gefängnis auf die Showbühne: das Projekt „Verwandle Dich!“
Geisa, das Topmodel. Klassisches Schwarz, um die Aufmerksamkeit nicht von den bunten Handtaschen abzulenken.
Sekunden später: Stromausfall wegen Regens! Die Show muss weiter gehen; kurzzeitig auch ohne Scheinwerfer.
Das Publikum: begeistert von Geisas Häkelbikini. Und schließlich das große Finale, die Models schweben wie auf Wolke sieben...
Plötzlich sieht Geisa neben ihren Eltern in der ersten Reihe ihre fünfjährige Tochter Gabriela. Triumph als Mannequin, Tragödie als Mutter.
„So, meine Kleine“, flüstert Geisa, „jetzt musst du wieder zurück gehen auf deinen Platz.“
Dieser Tag in Natal im Nordosten Brasiliens: eine Achterbahnfahrt der Gefühle, vor allem für die 28-jährige Geisa. Doch ihr Frauen-Projekt hat sie stärker gemacht, als sie jemals war. Und mit Sicherheit wird sie bis zu ihrer Entlassung mit einem weitermachen: ihrer Mode hinter Gittern.