Sonia Seymour Mikich: "Zeugniszeit in vielen Bundesländern und bei den Viertklässlern wird ein lebenswichtiger Satz da stehen, nämlich auf welche Schule sie demnächst kommen. Was da nicht steht: Ob sie zuvor allesamt ähnliche Chancen hat
Majorie geht in die vierte Klasse und sie will die Welt der Bücher entdecken. Für sie keine Selbstverständlichkeit. Majorie: "Was ist, rief Schaf mit spitzen Stimme. Wird das noch mal was? Was war das für ein merkwürdiges Gestalt an der Tür?" Und jetzt derselbe Text von Konstantin. Er ist erst in der 3. Klasse. Wenn er liest, trägt er beinahe vor. Konstantin: "Was ist, rief Schaf mit spitzer Stimme. Wird das noch mal was? Was war das für eine merkwürdige Gestalt an der Tür?" Zwei Kinder, zwei Grundschulen. Beides städtische Schulen mit dem gleichen Lehrplan, aber in unterschiedlichen Stadtteilen. Nach vier Jahren werden von der einen Schule 80 Prozent aufs Gymnasium gehen, von der anderen 10. Wie kann das sein? Dabei sind beide Stadtteile weder ganz oben, noch ganz unten. Solche Viertel gibt es in vielen Großstädten. Köln-Sülz. Kein Nobel-Viertel, aber gutbürgerlich. In Sülz leben wenige Hartz-IV-Empfänger und drei von vier Kindern gehen aufs Gymnasium.
Neun Kilometer weiter, in Köln-Bocklemünd stammt jedes zweite Kind aus einer Hartz-IV-Familie, und wohnt in einer Sozialwohnung. Die Gemeinschafts-Grundschule in Köln-Bocklemünd am Morgen. Die meisten schnappen sich im Vorbeigehen Obst. Für viele ist das die erste Mahlzeit. Da kommt Majorie. Majorie: "Heut hab ich noch nix gefrühstückt." Reporterin: "Waren die anderen zu Hause schon wach?" Majorie: "Nein, ich war die einzige, die wach war." Guten Morgen in Köln Sülz: Hier werden die Kinder von Mama und Papa zur Schule gebracht. Pünktlich um acht. Gekämmt und gefrühstückt.
Gesamte Klasse: "Guten Morgen, liebe Frau Schuhenn." Los geht’s mit Musik und Deutsch. Dann die Pause. Alle haben etwas Leckeres von zu Hause mitgebracht. Schülerin aus Köln-Sülz: "Ich habe zwei Brote mit Fleischwurst, vier Möhren, vier Äpfel und zwei Gurken dabei." Reporterin: "Und wer hat Dir das gemacht?" Schülerin aus Köln-Sülz: "Macht immer meine Mama." Reporterin: "Und kriegst Du immer Obst und Gemüse mit?" Schülerin aus Köln-Sülz: "Ja, immer." Reporterin: "Was sind denn hier so für Kinder auf der Schule?" Majorie aus Köln-Bocklemünd: "Also meistens, der ihre Eltern getrennt sind oder so, oder die nicht so viel Geld haben." Die eine Hälfte deutsch, die andere nicht. Engagierte Lehrer arbeiten hier, das merken wir sofort. Dass es kaum ein Kind aufs Gymnasium schafft, kann nicht an ihnen liegen. Da kommt Kevin, 20 Minuten zu spät. Kevin aus Köln-Bocklemünd: "Ich komm gerade von zu Hause." Reporterin: "Bist du ein bisschen zu spät?" Kevin aus Köln-Bocklemünd: "Ja, mein Wecker hat nicht geklingelt." Reporterin: "Kommt das öfter vor?" Kevin aus Köln-Bocklemünd: "Manchmal." Uschi Brockerhoff, stellv. Schulleiterin: "Ich freue mich, dass sie kommen. Ich rede mit ihnen später darüber, warum sie zu spät gekommen sind, aber gestraft wird nicht, wenn Kinder zu spät kommen." Nur neun Kilometer weiter wachsen die Kinder mit mehr Zuwendung auf - das stärkt sie.
Elisabeth Schuhenn, Schulleiterin: "Man kann im Grunde genommen an vielen Stellen - an unserer Schule jetzt - einsteigen oder aufbauen auf Dinge, die die Kinder mitbringen. An anderen Schulen muss man diesen Grundstock sich erst schaffen." Über ihr Zuhause erfahren wir, als die Kinder dann vom Wochenende erzählen. Schülerin aus Köln-Sülz: "Also die Mama hat uns auch für einem Kletterkurs angemeldet, und da haben wir erst mal gelernt, wie man also Leute sichert." Schüler aus Köln-Sülz: "Und dann haben wir überlegt, ob wir ins Deutsche Museum gehen. Oder in irgendein anderes Museum, ich weiß nicht mehr, wie das heißt. Das ist so ein Kunstmuseum. 2. Schülerin aus Köln-Sülz: "Dann bin ich auch, wo ich mir was gewünscht habe, rückwärts galoppiert und dann hat man das Gefühl, dass das Pony unter einem wegläuft." In Köln-Bocklemünd hat Frau Brockerhoff den Erzählkreis, in dem die Kinder vom Wochenende erzählen, abgeschafft. Uschi Brockerhoff, stellv. Schulleiterin: "Weil die Kinder oft dann von McDonald's erzählen oder von Silly Billy oder vom Fernsehkonsum. Und da ich nicht immer sagen will, dass ich das eigentlich nicht so gut finde, so viel Fernsehen zu schauen, halte ich so einen Erzählkreis auch nicht immer für sinnvoll." Aber sie sollen natürlich auch sprachgewandt werden, deswegen darf jeden morgen ein Kind allen vorlesen. Danach sprechen sie über den Text, und wer in einem ganzen Satz antwortet, bekommt zur Belohnung ein Extra-Lob. Sprache ist das Problem, und zwar auch für die deutschen Kinder. Schülerin aus Köln-Bocklemünd: "Wenn wir gut gemacht haben, dann kriegen wir das. Wenn wir nicht gut gemacht haben, also wenn wir mittel gemacht haben, kriegen wir das. Und wenn wir nicht gut gemacht haben, kriegen wir das." Uschi Brockerhoff, stellv. Schulleiterin: "Ja, das ist oft ein großer Frust, aber auch eine große Trauer. Wenn man sieht, welche Kinder eine Möglichkeit haben und wir in den vier Jahren nicht geschafft haben, diese Möglichkeiten so rauszuholen und auszureizen, dass sie ihren Weg ohne Probleme weitergehen können. Und wenn man an die Kinder denkt, wo man weiß, wenn die mehr Hilfe bekommen würden, könnten die auch ein Abitur machen." Sie müssen für sich selbst sorgen, Termine einhalten, übersetzen. Elternbriefe landen oft bei ihnen. "Alltagstauglich" nennen Pädagogen das. Schülerin aus Köln-Bocklemünd: "Wenn ich zu Hause arbeiten muss, arbeite ich selber. Wenn ich Fragen habe, frage ich meinen Bruder." Reporterin: "Wie alt ist der?" Schülerin aus Köln-Bocklemünd: "12 Jahre alt." Reporterin: "Kann der dir helfen?" Schülerin aus Köln-Bocklemünd: "ja, manchmal." Reporterin: "Und Mama und Papa?" Schülerin aus Köln-Bocklemünd: "Die verstehen das nicht." Schülerin aus Köln-Sülz: "Zu Hause hilft mir meistens die Mama, weil die ist auch Lehrerin." Reporterin: "Und bei dir?" Schülerin aus Köln-Sülz: "Bei mir hilft mir auch die Mama, weil die war mal früher in der Schule Referendarin." Im Unterricht gibt es Workshops mit Profimusikern. Auch hier können die Lehrer auf Vorwissen aufbauen. Bei den Hobbys der Kinder zeigt sich ihre Herkunft ebenfalls. Reporterin: "Wer von euch spielt denn welches Instrument?" 1. Schülerin aus Köln-Sülz: "Saxophon." 2. Schüler aus Köln-Sülz: "Geige." 3. Schüler aus Köln-Sülz: "Gitarre." 4. Schülerin aus Köln-Sülz: "Auch Gitarre." 5. Schüler aus Köln-Sülz: "E-Gitarre." Reporterin: "Spielst du ein Instrument?" 1. Schüler aus Köln-Bocklemünd: "Ähm, äh, nein.“ 2. Schüler aus Bocklemünd: „Instrument nein, noch nicht." Reporterin: "Gehst du oft raus? Schülerin aus Köln-Bocklemünd: "Nein." Reporterin: "Bist du meistens in der Wohnung?" Schülerin aus Köln-Bocklemünd: "Ja." Reporterin: "Ist das nicht langweilig?" Schüler aus Köln-Bocklemünd: "Wenn ich Fernsehen gucke, nein." Reporterin: "Sind hier Kinder aus Akademiker-Elternhäusern in der Schule?" Heinz Günter Linn, Schulleiter: "Nein, nicht ein einziges."
Uschi Brockerhoff, stellv. Schulleiterin: "Für die Kinder bedeutet das, dass sie eigentlich auch keinen Maßstab haben, was alles möglich wäre? Die sehen ja nur ihren eigenen Maßstab." In Köln-Sülz sind die meisten Akademiker. Ermutigung vom Elternhaus, den Kopf frei fürs Lernen. Im Unterricht herrscht ein höheres Niveau, die wenigen Schwachen werden mitgezogen. Schülerin: "Das Prädikat ist immer ein Verb." Nochmal zu den Zahlen. Von den Schülern hier werden 80 Prozent aufs Gymnasium gehen. Und in Bocklemünd?
Reporterin: "Wie viel Kinder kommen aufs Gymnasium dieses Jahr?" Heinz Günter Linn, Schulleiter: "Von den 45 Kindern vermute ich einmal, ich kann es nicht ganz genau sagen, werden es vier oder fünf Kinder sein." Reporterin: "Sind die dümmer?" Heinz Günter Linn, Schulleiter: "Mit Sicherheit nicht!"