Mitten in Aserbaidschan, im Tal zwischen dem kleinen und dem großen Kaukasusgebirge, liegt eine Goldgrube. Ein Städtchen, das, wenn alles klappt wie geplant, demnächst weltberühmt wird. Es heißt: Naftalan. Benannt nach seinem einzigem Reichtum – dem Erdöl. Den
n gleich vor dem Stadttor von Naftalan beginnt ein großes Ölfeld. Früher haben sie hier mal gebohrt, aber die alten Förderpumpen sind längst verrostet. Denn Pumpen ist gar nicht mehr nötig – das Zeug kommt ganz von alleine aus der Erde. Dickes, schweres Erdöl. Aber kein gewöhnliches. So schwer ist das Naftalan, dass es nicht brennt – und nicht zum Treibstoff taugt. Dafür hat es ganz andere Qualitäten. Nämlich heilende.
Dass das gesund ist - davon muss schon fest überzeugt sein, wer sich freiwillig in so eine Pampe legt. Bolat kommt aus Kasachstan, er ist Bauunternehmer und gönnt sich eine Woche Kur.
„Wie neugeboren fühle ich mich, sagt Bolat. Das hätte ich auch nie gedacht, dass ich mal in Erdöl bade.“
In Erdöl baden und die Welt vergessen.
Naftalan heißt auch das Sanatorium – wie die Stadt, wie das Öl, wie beinahe alles hier. Sie pflanzen Bäume für die neue Saison. Die erste große Saison seit mehr als zwanzig Jahren soll es werden. Denn Naftalan war schon zu Sowjetzeiten ein berühmtes Kurbad – an die alte Tradition will man jetzt hier wieder anknüpfen.
Noch warten hier nur wenige Kurgäste auf die Anwendungen. Hinter jedem Vorhang eine andere Prozedur, aber alle haben irgendwie mit Öl zu tun.
Iwan bekommt eine Paraffinpackung. Ein Malerpinsel, ein Kochtopf, und die Naftalan – Geheimmischung. Iwan ist Russe, in Sibirien arbeitet er bei einer Ölbohrfirma. Deshalb hat er nicht schlecht gestaunt, als ihn sein Chef ausgerechnet hierher zur Kur schickte.
„Klar habe ich mich gewundert. Schweröl! Bei der Arbeit passen wir auf, dass bloß kein Öl an die Haut kommt – weil es doch schädlich ist. Und weil es nur ganz schwer wieder runtergeht. Aber dies hier ist wohl ein ganz besonderes Öl.“
Runter geht es tatsächlich nur schwer – und nur mit dem Schuhlöffel. Bolat hat die erste Wannensitzung hinter sich. Sein Wannenmeister hat Routine, Bolat ist heute schon der zehnte Kurgast, den er frei schabt. Das dauert meist länger als das ganze Badevergnügen.
„Sieben, acht Minuten runterkratzen, dann müssen sie noch unter die die Dusche. Abschrubben. Auch noch mal eine Viertelstunde, also, ich sage mal – ne knappe halbe Stunde müssen sie schon rechnen.“
Wer wie Bolat neu ist im Sanatorium, wird regelmäßig untersucht – die Chefärztin persönlich überwacht, ob er das Öl auch verträgt. Nicht jedem bekommt unser Naftalan, sagt sie. Sie weiß, dass es im Westen umstritten ist, dass manche es gar für krebserregend halten. Aber: sie macht das hier seit zwanzig Jahren, sie ist von der Heilkraft des Schweröls überzeugt.
„Naftalan heilt siebenundsiebzig Krankheiten. Haut, Gelenke, Unfruchtbarkeit, viele Entzündungskrankheiten. Neulich hatten wir einen Patienten mit schwerem Gelenkrheuma. Er konnte kaum gehen, nur ganz langsam und an Krücken. Nach fünf Wannen fühlte er sich besser, nach der zehnten konnte er laufen. Die Krücken hat er uns geschenkt.“
Aserbaidschans Präsident persönlich hat Naftalan zum Zukunftsprojekt erkoren. Ein hochmodernes Kurbad soll es werden. Mit Shopping Mall, Kinos, Theater - Baden-Baden war gestern. Die Zukunft heißt Naftalan. Aber noch herrscht eher postsowjetisches Flair.
Nach dem Zerfall der Sowjetunion war hier Schluss mit dem Kurbetrieb. Gleich nebenan wütete der Karabach-Krieg, in die alten Hotels zogen Flüchtlinge ein.
Doch seit ein paar Jahren sind die ersten Sanatorien wieder geöffnet – und angefeuert vom Präsidenten wird gebaut, was das Zeug hält. Dies wird ein 5-Sterne-Haus – schon diesen Sommer soll es fertig sein. Luxus für betuchte Kurgäste.
Der Bauleiter zeigt die Suite im obersten Stock. Fünf Zimmer plus Küche, und natürlich ein extra Zimmer - für die Bodyguards. Wer hier wohnen soll?
„Na ja, das ist unsere VIP-Suite, sagt er. Für die, die sich gerne bei der Kur so richtig erholen wollen. Ausländer vielleicht, oder Popsänger, mit der ganzen Familie. Vielleicht kommt ja auch der Präsident mal her.“
Für die einfacheren Kurgäste gibt es Touristenklasse – nebenan ist sogar schon ein Musterzimmer fertig. Auch nicht schlecht. Und dann soll noch ein großer Whirlpool in den Innenhof – voll mit Erdöl, direkt aus der Quelle.
Iwan aus Sibirien fällt im warmen Ölbad nur ein Vergleich ein:
„Das ist, als säße man in heißer Schokolade. Ich weiß nicht, wie Das sich anfühlt - aber es muss ungefähr so sein.“
Mit dem kleinen Unterschied, dass Schokolade eindeutig besser riecht.
Naftalan jedenfalls scheint Wohlbefinden und Laune deutlich zu heben. Was will man mehr von einer Kur?