Sonia Seymour Mikich: "Manchmal beneide ich diesen Jörg Pilawa, er hat die Zuschauer und die Stimmungen direkt um sich herum, und unsereins allein im Studio. Umso herzlicher nach draußen in die Wirklichkeit: Willkommen, meine Damen und Herren bei MONI
Roland Thomae, Betriebsrat: "Also ich habe das Gefühl gehabt, ich ersticke. Dann waren Probleme in der Richtung, dass ich so Druck im Oberkörper hatte, im Brustbereich. Ich hatte eine Zeitlang dann wie Tunnelblicke. Dann habe ich überlegt, wie willst du da weiterarbeiten?" Was dieser Mann erlebt hat, kannte er zuvor selbst nur aus Krimis. Von einem Tag auf den anderen war Roland Thomae im Visier von Ermittlern, wurde verfolgt und ausspioniert. Erst konnte er all das selbst nicht glauben. Roland Thomae, Betriebsrat: "Ja, es haben mich Fahrzeuge verfolgt, immer dicht auf. Und auch gewisse Schleichwege, die ich gefahren bin dann, weil ich den Verdacht hatte, waren die immer hinter mir. Ich hab das versucht, aufzuklären durch Vollbremsungen. Oder Vollbremsungen, rechts ran fahren. Dann haben Fahrzeuge überholt. Irgendwann habe ich sie dann wiedergesehen."
Im Visier von Fahndern? Erst war es nur ein Gefühl, dann wurde es Gewissheit. Und heute weiß Roland Thomae noch viel mehr: Es waren Detektive, die sein Arbeitgeber auf ihn angesetzt hatte. Thomae liegt inzwischen das Überwachungsprotokoll seiner Verfolger vor. Danach war es Auftrag der Detektive, Zitat: "... den Tagesablauf der ZP [also der Zielperson; die Redaktion] zu dokumentieren." Roland Thomae - die Zielperson der Detektive. Er hat seine eigene Erklärung, warum sein Arbeitgeber ihn beschatten ließ. Sein Arbeitgeber, das ist der Klinik-Konzern Median mit bundesweit 27 Klinken. Roland Thomae, Betriebsrat: "Also mein Verdacht ist nur - ich kann ja nur Verdachtsmomente hegen - dass der Arbeitgeber mich als Betriebsrats-Vorsitzenden und Gesamtbetriebsrats-Vorsitzenden loswerden wollte, weil er - oder andersrum - weil ich ihn scheinbar in gewissen Bahnen gestört habe."
Ein schwerwiegender Vorwurf, den der Median-Konzern nachdrücklich zurückweist. Doch warum dann die Beschattung von Roland Thomae? Der 56-jährige Betriebsrat ist verantwortlich für gut 850 Beschäftigte an vier Klinik-Standorten. Und das bedeutet, Thomae muss ständig von einer Klinik zur anderen pendeln. Genau hier setzte die Beschattung an. Der Median-Konzern erklärt dazu, er habe "begründete Zweifel" an der Richtigkeit von Thomaes Reisekostenabrechnungen gehabt. Offenbar Grund genug für seinen Arbeitgeber, Detektive auf ihn anzusetzen. Über Wochen hefteten die sich immer wieder an Thomaes Fersen. Roland Thomae, Betriebsrat: "Also ich habe niemals geglaubt, dass ein Arbeitgeber so was machen kann und schon erst gar nicht meiner. Weil ich in dem Unternehmen 35 Jahre tätig bin und ich so was in der Form vorher nicht erleben durfte." Roland Thomae: ein Betrüger - oder nur ein unliebsamer Betriebsrat? Ausschnitte aus dem Überwachungsprotokoll eines einzigen Tages: 4.45 Uhr: "Aufnahme der Observation an der Wohnanschrift der Zielperson." 10.30 Uhr: Ein Detektiv klingelt bei Familie Thomae. In seinem Bericht heißt es wörtlich: "Während des anschließend unter Vorlage einer sachdienlichen Legende geführten Gesprächs erklärte die vermutliche Ehefrau der Zielperson, dass sie im Moment alleine sei." Familie Thomae kann das bis heute nicht glauben. Roland Thomae Betriebsrat: "Ich finde das - zusammengefasst im Nachgang - widerwärtig. Was anderes fällt mir dazu nicht ein. Weil meine Familie, meine Frau, meine Kinder haben mit meinem Arbeitsverhältnis aber auch gar nichts zu tun." Und die Beschattung ging weiter. "Gegen 12.52 Uhr verließ die Zielperson gemeinsam mit ihrer Ehefrau und einem kleinen schwarzen Hund das Zielobjekt." Übrigens, 12.52 Uhr, an Heiligabend! Ermittlungen wegen falscher Reisekostenabrechnungen? Aus Sicht des Median-Konzerns sammelten die Detektive genug Hinweise für Unregelmäßigkeiten bei Arbeitszeiten und Reisekosten, um Roland Thomae fristlos zu kündigen; und ihn wegen Betruges anzuzeigen. Die Sache landet vor Gericht. Das Urteil ist rechtskräftig und eindeutig. Die Überwachung durch die Detektive sei - so die Richter wörtlich - "unangemessen" gewesen. Die darauf begründeten Vorwürfe gegen Thomae "nicht haltbar". Und auch die Staatsanwaltschaft hat das Betrugsverfahren gegen Thomae längst eingestellt. Die Geschichte des Betriebsrats Roland Thomae: die Geschichte einer Beschattung über Wochen, und einer Kündigung, die vor Gericht nicht standhält. Betriebsrat Thomae - also gerichtlich festgestellt - kein Betrüger. Aber ein erfolgreicher Betriebsrat, wie man hier meint, bei der Gewerkschaft ver.di. Thomae habe sich dafür eingesetzt, dass entlassene Mitarbeiter wieder eingestellt wurden. Er habe Median dazu gedrängt, Ärzten ihre Überstunden zu bezahlen. Und er gilt als besonders hartnäckig bei Tarifverhandlungen.
Roland Thomae, Betriebsrat: "Also wir haben schon Kosten verursacht, die einen Arbeitgebervertreter dazu bringen können, auf gewisse Leute sauer zu sein." So sauer, um einen Betriebsrat erst zu beschatten und dann fristlos zu kündigen? Der Median-Konzern will dazu nicht vor die Kamera. Schriftlich teilt das Unternehmen mit: "Die Darstellung, dass Herr Thomae gekündigt worden sei, um ihn als unliebsamen Betriebsrat loszuwerden, ist falsch."
Frank Lorenz ist Anwalt für Arbeitsrecht. Betriebsrat Thomae hat er zwar nicht vertreten, doch aus der bundesweiten Tätigkeit von 30 Kollegen in seiner Kanzlei kennt er zahlreiche Fälle, in denen Arbeitgeber Betriebsräte unter Druck setzen. Dr. Frank Lorenz, Anwalt für Arbeitsrecht: "Gerade in Zeiten wo es schwieriger wird wie jetzt in der Wirtschaftskrise, wo sich Betriebsräte mehr einsetzen für die Beschäftigten, möglicherweise auch Beistand holen zum Beispiel von Gewerkschaften, ist das eine Situation wo wir sehen, dass Arbeitgeber, teilweise mit allen Mitteln gegen Betriebsräte vorgehen und eben auch zu solchen Mitteln greifen, die aus unserer Sicht außerhalb des Gesetzes stehen." Zurück zum Fall Thomae. Die Betrugsvorwürfe gegen ihn sind vom Tisch. Was bleibt, ist die Angst unter Kollegen, sich offen zu ihrem Betriebsrat zu bekennen. Roland Thomae ist inzwischen schwer erkrankt. Seit Wochen wird er in einer Klinik behandelt. Keiner kann sagen, ob er jemals wieder vollständig gesund wird.