Sonia Seymour Mikich: "Bespitzelte Mitarbeiter, Lohndumping - Skandale gab es in der Discounter-Branche genug. Am Branchenprimus Aldi gingen sie bislang vorbei. Die beiden Konzerne der Brüder Albrecht gelten als Vorzeige-Unternehmen. Sie zahlen über Tarif -
Aldi, die Mutter aller Discounter. Aldi, das sind zwei eigenständige Konzerne, Aldi-Nord und Aldi-Süd. Aldi genießt ein gutes Image. Aldi zahlt über Tarif, bei Aldi wird fair gehandelt, Aldi bietet einen sicheren Arbeitsplatz - heißt es. Doch stimmt das öffentliche Bild vom "guten" Discounter? Wir haben hinter den Kulissen von Aldi-Nord recherchiert. Fangen wir in Coesfeld an. Diese drei Kassiererinnen arbeiten seit Jahren bei Aldi-Nord. Sie erleben Aldi anders. Uns fällt zunächst auf, wie verschüchtert sie sind. Conny Terhorst, Mitarbeiterin Aldi-Nord: "Man ist mit Magenschmerzen hingegangen und war froh, wenn die Zeit vorbei war. Man hat sich nicht mehr wohlgefühlt. Man hat sich im Endeffekt immer schikaniert gefühlt." Schikanen? Mit Magenschmerzen zur Arbeit? Die Frauen erheben gegen Aldi-Nord einen schweren Vorwurf: Sie erzählen, dass sie mehr arbeiten müssten, als eigentlich vereinbart. Mehr Geld gebe es dafür allerdings nicht. Conny Terhorst, Mitarbeiterin Aldi-Nord: "Pünktlich raus waren wir nie und morgens wird grundsätzlich früher angefangen. Weil die Zeit sonst einfach nicht gereicht hat, um die morgendlichen Arbeiten zu erledigen." Susanne Börner, Mitarbeiterin Aldi-Nord: "In dieser Zeit von sieben bis Viertel vor acht haben wir dann Brot eingeräumt, Zeitungen eingeräumt, Obst und Gemüse eingeräumt, die Mindesthaltbarkeitsdaten kontrolliert. Teilweise Zigaretten reingeräumt und die Kassen eingezählt." Marion Fischer, Mitarbeiterin Aldi-Nord: "Laut Plan hatten wir nur eine Viertelstunde, und das war halt nicht zu schaffen, weil man da ja auch quasi dann alleine ist, oder höchstens zu zweit. Und deswegen mussten wir halt um sieben anfangen, und das wurde auch nicht notiert." Reporterin: "Wurde Ihnen diese Zeit bezahlt? Conny Terhorst, Mitarbeiterin Aldi-Nord: "Nein, die wurde nicht bezahlt." Unbezahlte Mehrarbeit? Und das regelmäßig? Wenn stimmt, was die Coesfelder Kassiererinnen behaupten, kämen bei ihnen jede Woche etwa zwei unbezahlte Stunden zusammen. Das würde im Monat etwas über 100 Euro machen. Würde im Jahr 1.200 Euro machen. 1.200 Euro, die den Kassiererinnen im Geldbeutel fehlen und die Aldi-Nord bei jeder einspart. Klingt zunächst nicht nach so viel. Summiert sich aber für beide Seiten. Vor allem, wenn Coesfeld kein Einzelfall sein sollte. Aldi-Nord weist die Vorwürfe strikt zurück. Schriftlich teilt das Unternehmen mit: "… alle Aussagen der drei Mitarbeiterinnen, (…) über angeblich unvergütet bleibende Mehrarbeiten [sind] definitiv falsch." Und weiter betont das Unternehmen: "Bei Aldi werden seit jeher sämtliche Überstunden vergütet." Die drei Verkäuferinnen bleiben bei Ihrer Aussage. Wer also hat Recht? Die Verkäuferinnen sollen - so erzählen sie uns - offiziell um 7.45 Uhr kommen. Kurz vor der regulären Ladenöffnung um acht. Auch in anderen Filialen gelten ähnliche Zeiten. Uns wurden so genannte Kasseneröffnungsbons zugespielt. Aus mehreren anderen Aldi-Nord-Filialen. Sie zeigen: Statt um 7.45 Uhr wurden die Kassen offenbar deutlich früher startklar gemacht. Über die Bezahlung dieser Zeiten sagt das zunächst nichts. Auch die Coesfelder Kassiererinnen hatten von frühen Anfangszeiten berichtet. Und sie erzählen, dass diese Stunden in keiner Anwesenheitsliste auftauchen würden. Wie kann das sein? Wir bekommen eine sogenannte Richtwerttabelle zugespielt. Sie zeigt angeblich die Grundlage für die Stunden- und Personalplanung bei Aldi-Nord. Danach dürften bei 10.000 Euro Tagesumsatz rund 17 Arbeitsstunden pro Filiale anfallen, bei 15.000 Euro 22 Stunden und bei 25.000 Euro rund 30 Stunden. Wir zeigen diese Umsatzstundentabelle einem Wirtschaftswissenschaftler und ausgewiesenen Experten für Discounter.
Prof. Thomas Roeb, Hochschule Bonn-Rhein-Sieg: "Diese Umsatzstundenvorgaben halte ich für unrealistisch, eigentlich sogar für völlig unrealistisch. Ein Filialleiter, der die Vorgaben hat, wird die nicht erreichen können. Die Vorgaben sind erheblich ... erheblich strenger als das, was ich von Wettbewerbern als realistisch erreichbare Werte kenne. Sie sind auch deutlich strenger, als das, was ich über die Abläufe in dieser Art von Filialen kenne." Aldi bestätigt die Existenz solcher Richtwerte, weist Kritik daran aber zurück. Schriftlich erklärt Aldi-Nord: "Dass die Richtwerte "unrealistisch" und in vielen Fällen "praktisch nicht zu erreichen" sind, ist ebenso pauschal wie falsch." Bei der tatsächlichen Personalbesetzung würden die Besonderheiten jeder Filiale berücksichtigt. Also keine Probleme mit den Stundenvorgaben? MONITOR liegen mehrere interne Schreiben von Aldi-Nord an Filialleiter vor. Es sind Ermahnungen und Abmahnungen. Hintergrund: Die Filialleiter haben die Stundenvorgaben missachtet. In den Schreiben heißt es unmissverständlich: "Die Vorgabewerte sind strikt einzuhalten." Wir treffen einen Filialleiter. Er will nicht erkannt werden. Aber er zeigt uns, wie er in seiner Filiale mit den Stundenvorgaben umgeht."
Filialleiter Aldi-Nord, anonym: "Ja, ich mache gerade unsere Anwesenheitsliste mehr oder weniger passend, um den hohen Anforderungen dieser Stundenliste, die ich von meinem Bezirksleiter erhalten habe, gerecht zu werden. Wenn eine Mitarbeiterin zum Beispiel reell sieben Stunden gearbeitet hat - und ich muss ja meine Stundeliste einhalten, die Vorgaben, die ich Ihnen ja gerade gezeigt habe - dann kann das natürlich so nicht stehen bleiben. Das heißt, ich muss tätig werden. In diesem Fall werden aus sieben plötzlich 5,5 Stunden - und das durchzieht das ganze System." Stunden die einfach aus der Liste gestrichen werden, damit die Vorgaben passen? Aldi-Nord bestreitet nicht, dass ein Filialleiter die Stundenzettel manipulieren könnte. Doch das Unternehmen betont: "Manipulationen der Arbeitszeiterfassung sind weder Praxis noch werden sie geduldet." "Ein Filialleiter, der - gleich aus welchem Motiv - Anwesenheitslisten manipulieren würde, müsste unser Unternehmen verlassen."
Wir treffen Klaus-Werner Gnadt, ver.di-Handelssekretär in Bielefeld. Er kennt noch andere Fälle bei Aldi-Nord. Klaus-Werner Gnadt, ver.di Bielefeld: "Mir haben zwei Filialleiter in persönlichen Gesprächen erklärt, dass sie, um die Rahmenwerte zu erreichen, Stunden nicht aufgeschrieben haben oder Stunden gestrichen haben. Sowohl bei sich selber als auch bei Mitarbeitern ihrer Filiale." Aber wenn es tatsächlich so sein sollte, warum lassen sich Mitarbeiter so etwas gefallen? Vielleicht, weil die Arbeitszeitregelung bei der Belegschaft immer wieder für Fragen sorgt? Da gibt es zunächst das eigentliche Gehalt, dann eine Prämie, und ein pauschaler Mehrarbeitsausgleich, aber nur für einige wenige Überstunden. All das sorgt in der Belegschaft immer wieder für Verwirrung. Das weiß auch der Filialleiter, der unerkannt bleiben möchte, und der gegen die offiziellen Unternehmensvorgaben handelt. Filialleiter Aldi-Nord, anonym: "Dann lege ich die Anwesenheitsliste zur Unterschrift vor. Und das bedeutet: Die Mitarbeiterin guckt einmal kurz drüber. Und in der Regel wird sie - auch aufgrund des Zeitdruckes - einfach unterschreiben. Wenn die Erste unterschrieben hat, unterschreibt die Zweite. Zwei Unterschriften bedeuten schon einen kleinen Sieg. Wenn jetzt alle Unterschriften beisammen sind, ist die Liste aus juristischer Sicht fast unanfechtbar. Eine weitere Möglichkeit der Manipulation ist, die Liste ordnungsgemäß zu führen, die Mitarbeiterinnen unterschreiben zu lassen, und dann später zu kürzen, nachdem die Unterschrift erfolgt ist." Auch die Coesfelder Kassiererinnen haben ihre Anwesenheitslisten unterschrieben, trotz ihrer Zweifel. Daher können sie auch nicht belegen, ob Aldi ihnen tatsächlich Geld schuldet. Und Aldi weist alle Vorwürfe zurück. Wie es jetzt weitergeht, wissen sie nicht. Aldi wirft ihnen vor, dass sie sich längst innerlich verabschiedet hätten, und dass sie dem Unternehmen nur schaden wollten.
Sonia Seymour Mikich: "Einzelfälle oder System? Wir jedenfalls meinen: Marke verpflichtet."