gen afghanischen Nationalarmee.
Stabsgefreiter Janovicz treibt seine afghanische Kompanie gnadenlos durch das Übungsgelände. Ein Dolmetscher muss die Anweisungen übersetzen. Jedes Mal vergeht so wertvolle Zeit, die es im Ernstfall nicht gibt. Bei US-Marine Janovicz ist vor allem Geduld gefragt: "Die Kompanie muss versuchen, sich aus einen Hinterhalt der Taliban zu befreien und soll dann die Aufständischen überwältigen. Na ja, da gibt es noch eine Menge Arbeit. Aber die Jungs begreifen es jetzt besser. Wir werden es noch ein paar Mal probieren."
Die Taliban, die da wild feuern, ganz klar, die sind nicht echt, es sind US-Soldaten. Vom Angriff der afghanischen Rekruten sind die falschen Aufständischen nicht gerade beeindruckt. Deine Jungs in der ersten Reihe waren Kanonenfutter, sagen sie dem Ausbilder.
Kriegshandwerk in Schnellkursen
Wir sind im Trainingslager Blackhorse, östlich von Kabul. Den niegelnagelneuen, milliardenteuren Fuhrpark hat Washington für Kabul spendiert, trotz Finanzkrise. Doch wovon soll das Dritte-Welt-Land später die geplante 140.000-Mann-Armee bezahlen?
Soweit denken die Militärplaner noch nicht. Hier heißt der Slogan erstmal: ausbilden was das Zeug hält. Masse statt Klasse. Zwei Jahre dauert die Ausbildung der Marines im fernen Amerika, ihren afghanischen Rekruten aber sollen sie das Kriegshandwerk in zwei Monaten einpauken.
Ausbildungschef Major Harney ist zwar ein grundoptimistischer Typ, ein Amerikaner eben, doch hier stößt auch sein Optimismus an Grenzen: "Das Problem ist, dass wir für die Ausbildung nur wenig Zeit haben. Die Rekruten sprechen unterschiedliche Sprachen. Sie sind sehr jung und ständig müssen unseren Anweisungen übersetzt werden. Die Dolmetscher aber haben kein Militärwissen, also manchmal keine Ahnung, was wir eigentlich meinen. Außerdem beten die Afghanen drei, vier Mal am Tag, glaube ich, das kennen wir im Westen ja nicht. Na ja, das haben wir jetzt im Griff." Bedeutet: Die Afghanen gehen weiter beten, die Extrapausen danach aber fallen ab sofort weg.
Konflikte sind vorprammiert
Es gehe zu viel Ausbildungszeit verloren, beschwerten sich die Amerikaner. Die meisten Rekruten stammen aus armen Familien, 70 Prozent sind Analphabeten.
Ein anderes Problem, das die US-Marines gar nicht wahrnehmen: Die Mehrheit der Rekruten stammt aus dem afghanischen Norden, also ethnische Usbeken, Tajiken, Hazaras, alles Nichtpaschtunen. "Ich gehe den paschtunischen Süden, ich spreche zwar kein Paschtu, aber das macht nichts. Ich habe keine Angst vor der Taliban. Ich war schon überall in Afghanistan. Vor dem Süden habe ich keine Angst."
20 Kilometer entfernt - im Zentrum von Kabul - die Überreste des jüngsten Autobombenanschlags. Ein Gästehaus zerstört, im nahegelegenen Einkaufszentrum flogen alle Scheiben raus. Eine Stunde lang lieferten sich dutzende afghanische Sicherheitskräfte wilde Schusswechsel mit den Attentätern.
Nur zweihundert Meter Luftlinie entfernt hatte sich Martin Wilkin solange hinter dem Schreibtisch im Büro verschanzt mit der privaten Maschinenpistole im Anschlag. Der Brite trug bis vor kurzem Uniform. Sein Job war es, die Ausbildung afghanischer Soldaten zu bewerten.
Dass die Afghanen eines Tages selbst für Sicherheit sorgen können bezweifelt Wilkin mittlerweile: die Ausbildung sei zu kurz und zu schlecht: "Die Armee braucht tausende frische Soldaten, die Qualität der Ausbildung aber wird seit zwei Jahren schlechter. Problematisch ist auch die ethnische Vielfalt, beispielsweise, wenn die Herzen der Menschen im paschtunischen Süden gewonnen werden sollen. Dort sind Soldaten aus dem afghanischen Norden verhasst.
Es gibt noch eine große Gefahr: wenn die NATO zu schnell abzieht könnten Afghanistan und seine Armee wieder wegen Korruption auseinanderfallen. Schauen Sie nur was passierte, nachdem die Russen abzogen waren."
Die Show muss stimmen
Dass afghanische Rekruten ihre Ausbildung gerne auf die leichte Schulter nehmen, darüber berichten diverse aufgepeppte Spaßvideos. Fischen mit Panzerfaust heißt eines davon. Aufgenommen von amerikanischen NATO-Soldaten. Solche Videos haben bei der westlichen Schutztruppe längst Kultstatus.
Marine Janovicz aber nimmt sein
en Job ernst, sagt er und dirigiert seine Kompanie wieder raus auf das Übungsgelände. Vorbei geht es an einem alten Stützpunkt der Sowjetarmee aus den 80igern. Selbst der Weg zum Übungsgelände ist nicht sicher. Ein paar US-Fahrzeuge riegeln die Gegend ab. Vor ein paar Monaten kamen genau hier drei US-Trainer ums Leben; ihr Auto war auf eine Mine der Aufständischen gefahren. Janovicz und Harney wollen die Rekruten in einen Taliban-Hinterhalt schicken, also die gleiche Übung, die heute morgen gründlich daneben gegangen war. "Wir üben das noch mal, aber ich denke wir sind auf einem guten Weg."
Magere 80 Dollar verdient jeder Soldat im Monat. Lokale Kriegsherren oder Taliban-Kommandeure könnten das wohl locker überbieten. Die Armee droht dann schnell zu zerfallen. Bald schon wird seine Kompanie an die Front nach Südafghanistan verlegt. Würde Janovicz mitgehen? "Klar gehe ich, wenn ich den Befehl bekomme. Ich gehe mit meinen afghanischen Jungs. Ich habe sie ja auch trainiert. Ehrensache"
Bald soll Janovicz vor hochdekorierten NATO-Generälen vorführen, was er seinen afghanischen Soldaten beigebracht hat. Damit alles klappt, wird der Amerikaner den Rekruten vorher sagen, von wo die Taliban angreifen wollen. Die Vorgesetzten wollen Platzpatronen spendieren, damit alles auch echt wirkt. Janovicz solle einfach nur eine super Show abliefern, so der Befehl von ganz oben.