r staubige Pisten und unwirtliches Land. Der Distrikt Quala-i-zal ist das Ziel unserer Reise, dort soll das Team in einem kleinen Dorf Söldner treffen, die sich zu einer Stammes-Miliz zusammengeschlossen haben. Nichts Ungewöhnliches in dieser Gegend, schon seit einiger Zeit organisieren sich große Familien, ganze Stämme solche Kämpfer mit schweren Waffen, um sich gegen Kriminelle und die Taliban zu wehren. Dafür bezahlen sie - mit Geld oder mit Land.
Markaz heißt dieses Dorf, und vor dem Eingang stehen sie. Mohammad Nabi und einige seiner Leute. „Bevor ich diese Truppe gegründet habe, arbeitete ich in Hai-ra-tan“, erzählt Mohammad Nabi, der Anführer der Stammesmiliz in Markaz. „Dort sagte mir jemand, dass sie hier in dieser Gegend Probleme haben mit den Taliban, die die Leute terrorisieren. Die Hilflosigkeit der Menschen ist groß und ich wollte Ihnen helfen und Schutz anbieten.“ Die meisten sind junge Männer. Einige erhoffen sich, durch die Arbeit ein wenig Land zu bekommen, um es bewirtschaften zu können, andere sehen sich in der Tradition als Mudschaheddin - wie ihre Väter, die vor Jahrzehnten gegen die Sowjets kämpften. Sie sind ein zusammen gewürfelter Haufen und kommen aus der ganzen Gegend. Eines verbindet sie. Der geübte Umgang mit Waffen.
Hintern den Mauern des Dorfes halten die Familienoberhäupter Rat. Der Kommandeur der Stammes-Miliz will den Sicherheitsring um das Dorf weiter ausbauen. Dazu müssen Gräben ausgehoben und Mauern gebaut werden. Geld haben sie kaum. Viel wird in Eigenarbeit entstehen müssen. „Es gibt bei uns Turkmenen, Hasaras, Usbeken und Tadschiken“, sagt der Dorfälteste Azim Khairullah. „Im Grunde sind wir ganz zufrieden. Betreiben Landwirtschaft. Aber die Regierung kann uns nicht schützen. Manchmal überfallen uns Aufständische, oft schon wurden wir ausgeraubt. Deshalb mussten wir uns selbst um Schutz kümmern.“ Als die Taliban 2001 gestürzt und vertrieben wurden, schien auch das Ende der Mudschaheddin-Milizen besiegelt zu sein. Die internationalen Truppen versuchten die Waffen einzusammeln, boten Geld gegen Waffen. Heute sind diese Kämpfer in den Landstrichen Afghanistans wieder so populär wie früher, denn die Sicherheitslage verschlechterte sich zusehends und der Bedarf an Schutz von Stämmen und Dörfern stieg. Diese Milizen leisten dass, was die afghanische Polizei nicht gewährleisten kann - Schutz! Und Waffen gibt es noch immer in Hülle und Fülle. Alte Gewehre und Panzerfäuste zwar, aber immer noch funktionstüchtig und- sie erfüllen ihren Zweck. Stolz sind die Kämpfer auf ihre Waffen, denn auch nach Jahren sind sie in Schuss,- dank guter Pflege. „Alle diese Gewehre und Maschinenpistolen gehören uns“, erzählt der Milizen-Kämpfer Khalifa Naseer . „Wir haben sie aus geheimen Lagern geholt. Dort wurden sie von unseren Leuten versteckt bis zu dem Tag, an dem wir sie wieder brauchten.“
Kabul, Hauptstadt Afghanistans. Regierungssitz. Dort sollen die internationalen Truppen, die nationale afghanische Armee und die Polizei für Sicherheit sorgen. Stammesmilizen spielen angeblich keine Rolle mehr - mehr noch. „Das afghanische Innenministerium hat keine Milizen unter seiner Kontrolle und wir haben auch keine Kenntnis darüber, dass es Milizen gibt“ meint Zemari Bashary vom Innenministerium Afghanistans. „Im Übrigen hat Afghanistan keine guten Erfahrungen mit solchen Milizen gemacht und die Menschen in unserem Land lehnen diese bewaffneten Gruppen auch ab.“ Bei den internationalen Truppen sieht man das offenbar etwas anders. „Es gibt hier seit jeher eine Kultur, sein eigenes Dorf, seine eigene Umgebung zu sichern“, so Gregory J. Smith, Admiral der US-Armee und ISAF-Kommunikationsdirektor in Kabul. „Wenn diese Kultur in einer Art und Weise ausgeübt wird, sich selbst und sein Umfeld vor Gefahr zu schützen, dann nennen wir das lokale private Sicherheit. Die arbeiten mit der Regierung zusammen und das ist in Ordnung, denn sie wollen nur das eigene Dorf schützen.“
Teestunde bei Khalifa Naseer und seiner Familie. Die Nachbarn sind vorbei gekommen. Nach mehr als einem halben Jahr in diesem Dorf wird die Familie angenommen. Khalifas Frau richtet das Haus ein, die Kinder gehen in die Dorfschule. Ein ganz normales Leben- das Arbeitsgerät immer an seiner Seite. Man weiß ja nie. „Für die Menschen in diesem Landstrich sind wir hier“, sagt Khalifa Naseer. „Durch unsere Anwesenheit geben wir Ihnen ein gutes Gefühl. Für den Schutz der Leute in diesem Dorf nehmen wir Waffen in die Hand. Es gibt hier viele Taliban - dieses Gebiet ist voll mit gefährlichen Leuten.“ Die Milizionäre haben einen Checkpoint eingerichtet. Die Polizei komme nicht so weit raus. Wenn Talibankämpfer in der Nähe sind oder es gar Gefechte gibt, dann melden sie es der Polizei in Kunduz oder auch den ISAF-Truppen. Im Gegenzug bekämen sie sandgefüllte Barrieren und Stacheldraht um ihre Verteidigungsanlagen bauen zu können von der Provinzregierung in Kunduz, sagen sie. „Wir üben jeden Tag. Denn wir wollen gut vorbereitet sein, wenn unsere Feinde wieder einen Überfall planen“, so Khalifa Naseer.
Aber es sei nun schon Wochen ruhig gewesen. Offenbar hat es sich herumgesprochen, dass im Distrikt Quala-i-Zal eine private Stammesmiliz für Sicherheit sorgt. Experten befürchten, dass diese Kämpfer zu einer Gefahr werden könnten, wenn Ihnen Regierungsgegner genug Geld geben. Daher sollten sie zu Bürgerwehren werden, bezahlt vom Staat. Sie fühlen sich wohl in diesem Dorf. Die meisten wollen Landwirtschaft betreiben und sesshaft werden, das Söldnerleben eintauschen und mit den anderen das Dorf in der Not als Einwohner verteidigen.