nis. Warum? Als Blogger hatte er sich für die Beduinen eingesetzt. „Vor drei Jahren haben sie ihn abgeholt, mitten in der Nacht. 10 Polizisten. Sie haben die ganze Wohnung auf den Kopf gestellt, sind sogar in mein Schlafzimmer eingedrungen, obwohl mein Mann es ihnen verboten hatte. Sie haben unsere Bücher auseinandergerissen und mitgenommen, haben CDs, Computer und Photographien beschlagnahmt. Meine kleine Tochter ist danach krank geworden. Als die Razzia vorbei war, habe ich hier aus dem Fenster geschaut und gesehen, wie sie ihn in Ketten abgeführt haben. Zehn Polizisten und ein Blogger.“ Also: nur weil Mussad in seinem Blog geschrieben hatte, die Regierung sei am Elend der Beduinen schuld, sitzt er in diesem Gefängnis, seit drei Jahren ohne rechtskräftiges Urteil. Seine Frau Salama und er sind beide selber Beduinen. Er weiß also, wo von er schreibt. „Besonders schlimm ist, dass in seiner Zelle auch Drogenhändlern, Dieben sogar mit Mördern zusammen sein muß. Sie behandeln ihn wie einen Schwerverbrecher. Außerdem darf er nicht schreiben und bekommt keine Bücher. Dabei hatte er sich doch nur für die Rechte der Beduinen eingesetzt“, klagt Salama. Und: was ist das für ein Staat, der so reagiert.
Free Blogger Mussad. /Die Kampagne läuft inzwischen weltweit. Doch der ägyptische Staat zeigt sich ungerührt und bleibt hart. Nach drei Jahren Untersuchungshaft verzweifelt Salama allmählich. Und nahezu machtlos ist ihre Anwältin. Ägypten wird seit Jahrzehnten unter Notstandsgesetzen regiert, die die Rechte der Anklagten und Anwälte drastisch einschränken. „Unser Problem sind diese Notstandsgesetze“, erklärt Rechtsanwältin Rawad Ahmed. „Selbst wenn ein Blogger freigesprochen wird, kann der Innenminister ihn in Haft halten, wenn er Sicherheitsbedenken geltend macht. Gründe muß er nicht angeben.“ Blogger leben also gefährlich in Ägypten. Mindestens acht sitzen im Augenblick in einem der Gefängnisse des Landes, angeklagt wegen subversiver Tätigkeit. Ganz offensichtlich fürchtet sich das autoritäre Regime vor solchen Bildern: Polizisten als Folterknechte, weltweit verbreitet über ägyptische Blogs. Oder Polizisten als Schläger.
Das könnte auch ihm blühen, Blogger Nagy, dem wir uns nur unauffällig nähern können. Die Polizei mit ihren blauen Mannschaftswagen versucht jeden Kontakt und jedes Bild von ihm zu verhindern. Blogger Nagy von einem Hochhaus gefilmt. Seit zwei Jahren streikt er vor dem Werkstor seines Arbeitsgebers: gegen die Korruption seiner Chefs, für Mindestlöhne. Nagy aufgenommen mit seiner eigenen Handykamera. Gelegentlich besuchen ihn Freunde. Jedes Mal streng kontrolliert von einem der 20 Polizisten, die Nagy rund um die Uhr bewachen. Der blaue Mannschaftstransporter ist immer da. Die Staatssicherheit hält ihn für einen staatsgefährdenden Aufrührer. In seinem Blog schreibt er nämlich vor allem über die Lage der Arbeiter in Ägypten. Mal mit geballter Faust, mal zeigt er mit diesem Mittelfinger, was er von der Regierung Mubarak hält. Immer freitags fährt Blogger Nagy für ein paar Stunden nach Hause. Zeitungen beginnen sich für ihn zu interessieren und schreiben über seinen Dauerstreik. Ein kleiner Erfolg seines Blogs.
Mit seiner Großfamilie lebt er in diesem Dorf, 15.000 Einwohner, alle sehr konservativ, einfache Bauern, ein paar Sattelitenschüsseln, kein einziges Internetcafé. Sein Bruder freut sich über seinen Besuch, seine Kinder strahlen: "Endlich ist der Papa da!" Seine ganze Familie steht zu ihm, selbst in der Schule zeigen die Lehrer Verständnis. Ohne ihre Unterstützung hätte er den Dauerstreik der letzten Jahre nicht durchgehalten, sagt er. „Er soll ja nicht schweigen“, meint seine Frau Magda Abdelardi. „Das wäre falsch; denn er hat recht. er hat nichts Böses getan. Alles was er verlangt, sind die Rechte eines Arbeiters.“ Dann arbeitet er wieder an seinem Internettagesbuch, aufmerksam beobachtet von seinen fünf Kindern. Immerhin 420 mal am Tag wird sein Blog von Lesern geöffnet. Diesmal kriegt der ägyptische Präsident Mubarak sein Fett weg. Der tue doch nur etwas für die Reichen, schreibt er. „Ich werde schreiben, dass der ägyptische Präsident die ägyptischen Arbeiter verspottet und betrügt. Die werden sich das aber nicht mehr lange gefallen lassen. Erst wenn der Mindestlohn eingeführt ist, werden sie Ruhe geben.“
Auch Bedubloggerin Salama gibt keine Ruhe. Fast jeden Tag setzt sie sich an den Computer und arbeitet an ihrem Blog, schreibt über ihren Mann und über die Lage der Beduinen auf dem Sinai. „Ich mache da weiter, wo mein Mann aufhören musste. Die Lage der Beduinen hat sich nicht verbessert. Nichts ist gelöst. Angst habe ich keine. Vielleicht tut mir die Staatssicherheit nichts, weil ich eine Frau bin.“ Dass sie mit solchen Bildern von Polizeibrutalität gegen protestierende Beduinen provoziert, das weiß sie. Sicher kann sie also nicht sein, dass die Polizei nicht doch eines nachts vor der Tür steht und sie abholt wie ihren Mann vor drei Jahren. Vor Polizeiwillkür ist kaum einer geschützt in Ägypten, besonders Blogger nicht. Die vielen Solidaritätsbriefe aus der ganzen Welt stärken ihr jedoch den Rücken. Sie weiß, Blogs sind in Ägypten inzwischen eine starke Waffe gegen das autoritäre Regime.